Fragen an die „Urgesteine“ „Meine Motivation liegt in der Schaffung von Technik“

Von Sebastian Gerstl 6 min Lesedauer

Erst entwickelte er elektronische Schaltungen, bevor er erkannte, wie viel wichtiger die Software für Systementwicklungen wurde. Im Interview spricht Andreas Klinger, mehrfach ausgezeichneter Experte für Linux-Systeme, üner seinen Werdegang; und darüber, was modernen Programmierern abhanden gekommen ist.

Linux-Trainer und Best-Speaker-Preisträger: Mit didaktischem Geschick, großer Leidenschaft und unverwechselbarem Akzent „brennt“ der Ur-Bayer die Basics und Feinheiten von Linux in die Köpfe der Entwickler. (Bild:  VCG)
Linux-Trainer und Best-Speaker-Preisträger: Mit didaktischem Geschick, großer Leidenschaft und unverwechselbarem Akzent „brennt“ der Ur-Bayer die Basics und Feinheiten von Linux in die Köpfe der Entwickler.
(Bild: VCG)

ELEKTRONIKPRAXIS: Wie bist du zur Softwareentwicklung gekommen?

Als Elektrotechniker wählte ich im Studium den Schwerpunkt Halbleiterentwicklung. Ich wollte elektronische Schaltungen entwickeln. Gegen Ende stellte ich fest, dass es dafür kaum Arbeitsplätze gab. Gleichzeitig wurden viele Softwareentwickler gesucht. Da ich schon als Jugendlicher gerne programmierte, entschied ich mich für diesen Weg. Ich landete zunächst in der Unix-Entwicklung, machte Umwege über andere Betriebssysteme, kam zu Linux und bin dort geblieben und glücklich geworden.

Man könnte meinen, das Elektrotechnikstudium sei ein Fehler gewesen, wenn ich den größten Teil meiner beruflichen Zeit mit Software verbracht habe. Das stimmt nicht. Gerade in der Embedded-Entwicklung schöpfe ich täglich aus meinen Elektronikgrundlagen. Informatiker tun sich oft schwer damit zu verstehen, was in der Hardware passiert, auf der ihre Software läuft.

Wann bist du erstmals mit Software, Unix und Linux in Berührung gekommen?

Als Schüler programmierte ich mit 14 Jahren meine ersten Programme, darunter ein Buchführungsprogramm für unsere Landwirtschaft. Als Student lernte ich in den 1990er-Jahren Unix auf HP-Workstations kennen. Dort begegnete mir auch mein erstes Mail-Programm, schlicht „mail“ genannt. Ich arbeite heute mit einem Kommandozeilen-Mail-Client, inzwischen allerdings mit mutt.

Wer war der beeindruckendste Ingenieur oder Entwickler, dem du begegnet bist?

Ich möchte keinen Namen nennen, weil ich mehrere Personen im Blick habe und nicht weiß, ob sie das möchten. Einer war in der Elektronik verwurzelt und entwickelte sich in der Software vom Assembler über Hochsprachen bis zur Datenbankentwicklung in der Automobilzulieferindustrie weiter. Das ist ein respektabler Wissensumfang.

Als es um die Entwicklung einer Roboterzelle mit mechanischen Zulieferungen ging, übernahm er wegen eines Personalengpasses teilweise auch die Roboterprogrammierung. Zugleich erkannte er Probleme aus der mechanischen Konstruktion und fand gemeinsam mit den Konstrukteuren Lösungen. Dieses breit gestreute Know-how ist für mich bis heute ein Vorbild. Dabei kommt es nicht darauf an, in jedem Fachgebiet Experte zu sein. Das schafft man ohnehin nicht. Viel wichtiger sind die Motivation und Fähigkeit, sich in angrenzende Themen hineinzudenken und fächerübergreifend nach Lösungen zu suchen.

Gab es in deiner Laufbahn einen Moment, in dem dir klar wurde: Hier geht es um mehr als nur Technik?

Als junger Ingenieur war ich bei der Inbetriebnahme einer Fertigungsanlage für Porenbetonsteine beschäftigt. Ich arbeitete hochkonzentriert, als mich ein SPS-Programmierer plötzlich zur Seite stieß und auf den Not-Aus-Button am Bedienpult schlug. Die Anlage stand, alles war still.

Erst jetzt bemerkte ich eine ganze Lage noch nicht geschnittener Porenbetonsteine fünf Meter über mir, die noch in den Klauen hing. Durch einen Fehler im SPS-Programm öffneten sich die Klauen. Der Programmierer erwischte den Not-Aus gerade noch rechtzeitig. Hätte er es nicht geschafft, wäre ich vermutlich heute nicht in der Lage, deine Fragen zu beantworten.

Welches elektronische Gerät oder Projekt aus deiner Laufbahn hat für dich eine Seele?

Ein Projekt, das mir am Herzen liegt, ist die Bienenstockwaage. Unsere Lösung ist vollständig Open Source, pragmatisch, günstig und sowohl mechanisch als auch softwareseitig einfach aufgebaut. Sie eignet sich auch für Anfänger zum Nachbau. Und wenn man die Bienenstockwaage zweckentfremdet, ein Bierfass daraufstellt und dieses über eine Zapfanlage leert, wird sie im Handumdrehen zum Party-Gag: zur Bierwaage.

An welchem Punkt deiner Karriere hast du gezweifelt, ob die Richtung noch die richtige ist?

Im Jahr 2000 war ich im Projektmanagement tätig und wollte mich in diese Richtung weiterentwickeln. Nach zwei Jahren stellte sich heraus, dass dieser Weg für mich nicht richtig. Meine Motivation liegt in der Schaffung von Technik, nicht in deren Verwaltung. Seither habe ich keine Ambitionen mehr, in der Projektleitung zu arbeiten.

Was unterscheidet einen guten Softwareentwickler von damals von einem im Jahr 2026?

Als junger Ingenieur stellte ich in Unternehmen häufig fest, dass es gerade für Software sogenannte Gurus gab: Sehr begabte Entwickler mit viel Know-how, aber oft wenig Bereitschaft, dieses zu teilen. Manche waren nicht motiviert, anderen etwas zu erklären. Andere versuchten, sich für das Unternehmen unentbehrlich zu machen. Die Probleme beim Ausscheiden eines solchen Alleinwissenden liegen auf der Hand, das habe ich mehrmals erlebt.

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Diese Solo-Know-how-Experten wirkten sich auch negativ auf die Innovation aus. Mehr Ideen und bessere Lösungen entstehen, wenn alle im Team zusammenarbeiten und nicht nur einem Guru zuarbeiten. Zudem verteidigten diese Experten oft jene Technologien bis aufs Messer, in denen sie besonders gut waren – auch wenn es längst effizientere oder besser passende Lösungen gab.

Heute begegnen mir solche Solisten nur noch selten. Durch das Internet sind Informationen leichter zugänglich. Expertise wird schneller hinterfragt und mit Gegenargumenten herausgefordert. Früher reichte schon ein kleiner Wissensvorsprung, um innerhalb eines Teams oder Unternehmens als Technologieführer zu gelten.

Das hemdsärmelige Suchen nach einer pragmatischen Lösung für ein akutes Problem hatten wir früher oft. Im modernen Software-Engineering findet sich das, eingebettet in strukturierte Entwicklungsprozesse, kaum noch. Das ist grundsätzlich eine gute Sache. Aber einfach drauf loszuwerkeln, wie wir es früher getan haben, war manchmal schöner.

Wenn du jungen Entwicklern heute zuhörst: Was klingt vertraut, was ist dir fremd?

Wir waren früher Bastler. Zu Hause löteten wir Elektronik aus diskreten Bauteilen zusammen und bauten alles Mögliche. Als ich ins Studium kam, traf ich endlich Gleichgesinnte. Wir sind bis heute eng befreundet.

In der heutigen Generation treffe ich solche Bastler nur noch selten. Einige arbeiten mit Raspberry Pis, aber auch nicht viele. Professoren technischer Fächer bestätigen diesen Eindruck. Ich habe meinen Kindern das Basteln gezeigt. Es brauchte wenig Anstoß, bis sie selbst Interesse entwickelten und eigene Projekte umsetzten.

Es gibt großartige Initiativen wie Teckids, bei denen Kinder spielerisch Zugang zu Technologie erhalten. Leider bleibt das eine Randerscheinung, wenn ihr Zeitplan schon mit Freizeitaktivitäten und Nachhilfe gefüllt ist. Wo soll dann die Menge kreativer Ingenieure herkommen, die unser Land so dringend bräuchte?

Zudem höre ich oft, dass eine Stelle ausscheidet, weil sie einem anderen Schwerpunkt zugeordnet ist als dem im Studium gewählten. Ein Schwerpunkt bedeutet meist einige Wochenstunden zu einem speziellen Thema; der Rest des Studiums war identisch. Was ist das im Vergleich zu dem Know-how, das man in einem Vollzeitjob aufbaut? Ich bedaure das damit einhergehende Desinteresse, das eigene Wissen zu verbreitern.

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Was möchtest du der nächsten Generation mitgeben – nicht als Rat, sondern als Erfahrung?

Das Internet hat unsere Art zu arbeiten verändert. Die KI wird dies aller Voraussicht nach noch einmal tun. Reines Faktenwissen tritt immer weiter in den Hintergrund. Das heißt aber nicht, dass wir keine Ingenieure mehr brauchen. Im Gegenteil: Wir brauchen Menschen, die motiviert sind, sich in unterschiedliche Fachbereiche einzudenken, Gesamtzusammenhänge zu erkennen und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen.

Gefragt ist, wer die Palette der heute verfügbaren Werkzeuge effizient nutzen und deren Output kritisch hinterfragen kann. Werkzeuge nehmen uns Arbeit ab, aber sie entbinden uns nicht vom Denken.

Wo endet für dich technischer Fortschritt – und wo beginnt die Pflicht zum Innehalten?

Da tue ich mich mit einer Antwort schwer. Deutschland hat sich mit der Entwicklung und Einführung autonomer Drohnen in Friedenszeiten lange schwergetan. Heute, da wir Krieg in Europa haben, sehen wir, dass ein Land, das sich dieser Technik verweigert, auf der Verliererseite stehen kann.

Auch in Deutschland wird heute anders über ihre Notwendigkeit diskutiert. Wo soll man die Grenze für ethisch verantwortungsvolles Handeln ziehen, wenn man weiß, dass andere sich nicht daran halten und dies zu unserem sogar tödlichen Nachteil werden kann? Darauf habe ich keine einfache Antwort. (sg)

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