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Qualitätssicherung: Darf Agilität vor Qualität gehen?

| Autor / Redakteur: Jan Wolter * / Stephan Augsten

Die drei Erfolgsfaktoren Zeit, Kosten und Qualität werden oft in einem „magischen Dreieck“ dargestellt.
Die drei Erfolgsfaktoren Zeit, Kosten und Qualität werden oft in einem „magischen Dreieck“ dargestellt. (Bild gemeinfrei: www_darkworkx_de / Pixabay)

Agile Prozesse liegen im Trend. Überall bemühen sich Unternehmen darum, ihre Teams schneller, autonomer und agiler arbeiten zu lassen. Die Qualität der Software-Produkte sollte darunter aber nicht leiden. Doch wie lässt sich das sicherstellen?

Amazon macht es mit seinen „Two Pizza-Teams“ vor: Teams von maximal acht bis zehn Mitarbeitern (die von zwei Pizzen satt würden) sollen bessere und schnellere Ergebnisse liefern. Davon ist zumindest der Online-Riese überzeugt. Spotify verfolgt einen ähnlichen Ansatz. Das sogenannte „Spotify-Modell“ verspricht Effizienz und Geschwindigkeit zu steigern und wurde bereits von einigen Unternehmen adaptiert.

Das Problem dabei: Viele Unternehmen vernachlässigen vor lauter Freude über die schnellen kleinen Teams die Qualitätssicherung ihrer Produkte. Wo früher die Philosophie galt, dass jeder Entwicklungsschritt getestet wird, muss der Testprozess heute so schnell wie möglich abgeschlossen sein.

Magisches Dreieck: Balance zwischen Zeit, Kosten und Qualität

Für den Unternehmenserfolg spielen drei Faktoren eine wesentliche Rolle: Zeit, Kosten und Qualität. Sie werden oft in einem „magischen Dreieck“ dargestellt, weil davon ausgegangen wird, dass nur zwei der drei Faktoren gleichzeitig erreicht werden können.

Agile Teams sparen Zeit und Kosten, um erfolgreich zu sein. Doch das alte Mantra, „Wenn es schnell gehen soll, mach’ langsam“, verliert auch in der agilen Welt nicht seine Berechtigung. Viele Entwicklerteams testen aus Zeitmangel lediglich ihre fertigen Anwendungen und vernachlässigen Zwischenschritte.

Mit dieser Herangehensweise steigern die Teams das Risiko, dass Bugs in die Produktion gelangen, die hinterher besonders aufwendig behoben werden müssen. Diese ungeplante Arbeit ist dann teuer, zeitaufwendig und hält die Entwickler davon ab, innovative Features oder Erweiterungen zu entwickeln, die den Umsatz steigern könnten. Bugs, die früh erkannt werden, können wesentlich kostengünstiger behoben werden, als später erkannte Fehler.

Wichtigster Erfolgsfaktor: Customer Experience

Auch überprüfen Entwickler oder QA-Experten (Quality Assurance) so nur einen kleinen Teil ihres Produktes und testen die Anwendung nicht in dem Kontext, in dem sie später genutzt wird. Doch die Komplexität der Geräte und Systeme, auf denen eine fertige Anwendung funktionieren muss, nimmt stetig zu.

Die Interoperabilität zwischen den verschiedenen Plattformen wie Betriebssystemen und Endgeräten zu gewährleisten, ist keine leichte Aufgabe. Zudem erwarten die Konsumenten, dass sich die Qualität der Anwendungen stetig verbessert und innerhalb kürzester Zeit weltweit verfügbar ist. Wenn ein Produkt nicht reibungslos länderübergreifend und in den verschiedenen Sprachen läuft, ist der Weg zur Konkurrenz nur einen Klick entfernt.

Weil Teams mit kurzen Sprint-Zyklen Prioritäten setzen müssen, bleiben große Nutzergruppen bei Qualitätstests häufig unberücksichtigt. Das Ergebnis ist ein Produkt, das im schlimmsten Fall nur für eine beschränkte Gruppe von Anwendern reibungslos funktioniert und auf einigen Endgeräten nur teilweise oder gar nicht richtig läuft. Einer der häufigsten Gründe, warum Startups scheitern, ist die Entwicklung eines Produkts, das nicht responsive ist und Fehler aufweist.

Interne Teams stärken

Um der hohen Komplexität zu begegnen, benötigen Entwickler- und QA-Teams breit gefächerte Fähigkeiten, eine entsprechende Test- bzw. Geräteabdeckung und viel Zeit für die Qualitätssicherung. Agile Teams bekommen in den seltensten Fällen Budget für zusätzliche QA-Verantwortliche. Doch selbst wenn, können interne Teams die komplexen Ansprüche an die Qualitätssicherung meist nicht mehr vollständig abbilden.

Eine Möglichkeit, interne Teams zu stärken, ist daher, mit zusätzlichen externen Kapazitäten zu arbeiten. Testing-Communitys ergänzen interne Teams bei der Qualitätssicherung, indem sie unter realen Nutzerbedingungen mit echten Geräten Software und digitale Produkte hinsichtlich solcher Aspekte wie z. B. Kompatibilität, Funktionalität und Usability testen.

Externe Tester sind meist auch außerhalb der Geschäftszeiten verfügbar, bringen ihre eigenen Geräte in die Test-Zyklen ein und bringen mit ihren unterschiedlichen Professionen und Profile den nötigen Mix in jedes Team. Mit dieser externen Verstärkung erhalten interne Teams schnellere und umfangreichere Erkenntnisse zur Produktverbesserung, als es In-houseQA-Abteilungen liefern könnten.

Die vielen Plattformen sowie neue technologische Entwicklungen, wie beispielsweise Spracherkennungssysteme, stellen Entwickler und Tester vor neue und wachsende Herausforderungen. Beim agilen Arbeiten ist die Qualitätssicherung ein nicht zu vernachlässigender Faktor. Fehler, die erst am Ende einer Produktentwicklung erkannt werden, sind unnötig teuer und zeitaufwendig und gefährden das agile Arbeiten.

Externe Testing-Anbieter werden nie in der Lage sein, interne QA-Spezialisten zu ersetzen. Sie können aber eine wertvolle Ergänzung sein, die dazu beiträgt, dass Unternehmen das magische Dreieck überlisten und so in kurzer Zeit kostengünstige, aber dennoch hochwertige Produkte entwickeln können.

* Jan Wolter leitet als General Manager für Applause den europäischen Geschäftsbereich und ist verantwortlich für den Ausbau des Unternehmens im europäischen Markt. Er verfügt über jahrelange Erfahrung in der Umsetzung und Skalierung von innovativen Software-Testing-Lösungen für Unternehmen verschiedenster Branchen und Größenordnungen.

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Dieser Beitrag stammt von unserem Partnerportal Dev-Insider.de.

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posted am 12.08.2019 um 12:14 von Unregistriert


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