„Die Zeit ist jetzt reif für die Intelligent Edge“

Redakteur: Sebastian Gerstl

Während sich klassische IT-Firmen immer mehr an industrielle Anwendungen wagen, sehen sich Gerätehersteller mit den Möglichkeiten und Herausforderungen von Cloud-Konnektivität und Edge Computing konfrontiert. Wie verändert das die Industrie? Ein Gespräch mit Hans-Jürgen Hilscher und Oliver Niedung von Microsoft Deutschland.

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Für moderne Anlagen im Sinne von Industrie 4.0 ist die Konvergenz von IT- und OT-Technologien unverzichtbar. Gerade intelligente Edge-Anwendungen spielen hier eine große Rolle. Wie weit sind diese Technologien, und was muss sich in der Automatisierungsbranche noch tun?
Für moderne Anlagen im Sinne von Industrie 4.0 ist die Konvergenz von IT- und OT-Technologien unverzichtbar. Gerade intelligente Edge-Anwendungen spielen hier eine große Rolle. Wie weit sind diese Technologien, und was muss sich in der Automatisierungsbranche noch tun?
(Bild: Clipdealer)

Digitalisierung und Industrie 4.0 sind vor allem in der Automatisierungsindustrie keine neuen Themen. Dennoch zögern viele Anlagenbetreiber, wenn es darum geht, ihre Maschinen via Cloud miteinander zu vernetzen und das Internet der Dinge zu nutzen. Als Gründe hierfür gelten meist mangelnde Unterstützung für neue Technologien in den bewährten Anlagen, fehlendes Knowhow im Umgang mit den einhergehenden Software- und Connectivity-Anforderungen oder Sorgen, den gesteigerten Security- und Compliance-Ansprüchen nicht gerecht zu werden, wenn eine Datenanbindung über die eigene physikalische Anlage hinaus gefordert ist.

Seit 2017 arbeiten Hilscher Automation und Microsoft eng zusammen, um diese Problemfelder zu adressieren. So entwickelt Hilscher beispielsweise auf Basis von Microsofts Azure-Technologien intelligente Edge-Gateways, die eine schnelle, sichere und unkomplizierte Cloud-Anbindung gewährleisten sollen.

ELEKTRONIKPRAXIS: Wie ist die Kooperation zwischen Hilscher und Microsoft zustande gekommen?

Oliver Niedung, Microsoft (links) und Hans-Jürgen Hilscher, Hilscher Automation (rechts) : „Cloud-Services, Edge-Computing und IoT-Plattformen - all diese Technologien sind jetzt so weit, dass sie für die Automatisierungstechnik, gerade auch in dieser Vielfalt, vernünftig genutzt werden können.“
Oliver Niedung, Microsoft (links) und Hans-Jürgen Hilscher, Hilscher Automation (rechts) : „Cloud-Services, Edge-Computing und IoT-Plattformen - all diese Technologien sind jetzt so weit, dass sie für die Automatisierungstechnik, gerade auch in dieser Vielfalt, vernünftig genutzt werden können.“
(Bild: Microsoft)

Oliver Niedung, IoT Principal Solution Specialist, Microsoft: In IoT-Projekten, die wir mit Partnern hatten, stellte sich die Industriekommunikation wiederholt als ein essentielles Kernelement heraus, das enorme Integrationsaufwendungen mit sich brachte. Für uns als Unternehmen, das aus dem IT-Bereich kommt, haben sich dadurch einige Lücken gezeigt: Wenn wir die klassische Industriekommunikation an die Cloud bringen wollten, gab es fast immer gewisse Gaps, die wir nur unelegant oder mit umständlichen Workarounds überbrücken konnten. Um diese Lücken zu schließen, sind wir auf Hilscher zugegangen.

Hans-Jürgen Hilscher, Gründer und Geschäftsführer der Hilscher Gesellschaft für Systemautomatisierung: Bei Hilscher sehen wir uns als Spezialist in der OT-Ebene, der Operational Technology aus dem Betrieb. Besonders auf der letzten Meile der IoT-Kommunikation, genau genommen sogar auf den letzten zehn Metern, sind wir sehr stark. Wir produzieren eigene Netzwerk-Controller oder eigene ASICs, die wir mit eigener Software programmieren. Wir sind im Markt sehr weit verbreitet, bei fast allen Automatisierern in der einen oder anderen Form vertreten.

Wenn es um Cloud-Anbindung geht, muss man sich von Seiten der IT-Technik die Frage stellen: Wie komme ich an die Daten aus der OT-Ebene heran? Da ist es naheliegend, sich an eine Firma zu wenden, die die Bauteile produziert, durch die diese Daten laufen. Von dieser Stelle aus ist es am effizientesten, in die Cloud reinzugehen. Wir haben uns dann am Markt umgesehen, welche Anbieter solche hyperskalierbaren Möglichkeiten bieten, die es erlauben, von der Operationsebene bis in die Cloud zu gehen. An der Stelle war Microsoft für uns die Wahl der Wahl.

Oliver Niedung: Daraus hat sich ein Musterbeispiel für das ergeben, was man IT/OT-Konvergenz nennt. Jeder für sich war nur sehr beschränkt handlungsfähig. Zusammen haben wir gesehen, dass wir mehr können als uns „nur“ zu ergänzen: Gemeinsam können wir sogar ganz andere Lösungen im industriellen Umfeld erschaffen. Gerade die Edge-Aktivitäten gehören zu den Elementen, die daraus entstanden sind.

Welche dieser angesprochenen Lösungen gibt es denn, gerade wenn es um die „letzte Meile“ geht?

Oliver Niedung: Den Anfang machte das Azure IoT Gateway SDK, das wir bereits vor ein paar Jahren veröffentlicht haben. Damit ließ sich eine elegantere Verbindung zur Azure-Cloud herstellen. Wir stellten daraufhin fest, dass dies tatsächlich im Markt auf eine sehr starke Nachfrage stieß. Wir haben uns also gefragt: Wie können wir das verbessern und einen soliden Service anbieten, der auch über die nächsten Jahre Bestand hat?

Daraus ging das Konzept von Azure IoT Edge hervor. An der Edge selbst steht ein Basisdienst, der eine Container-Logik ermöglicht, um lokal Anwendungen ausführen zu können. Gleichzeitig erlaubt er eine Anbindung an den Azure IoT Hub als zentrales Cloud-Gateway. Diese Technologie geben wir unter einer Open-Source-Lizenz heraus. Es kann jeder, der sich dafür interessiert, auf GitHub gehen und sich dort die Sourcen ansehen.

Hans-Jürgen Hilscher: Das waren auch die Gründe, warum wir mit Microsoft, beziehungsweise mit Azure gestartet sind. Man hat sofort die Verbindung der Azure Cloud zu dem entsprechenden IoT-Hub. Zudem ist uns aufgefallen, dass Microsoft im Bereich OPC/UA das meiste Engagement zeigt. Open Source ist dafür natürlich auch sehr praktisch. So kann ich auf dieser Basis etwa ein OPC/UA-Modell als ein durchgängiges System von unten am Gerät nach oben in die Cloud generieren.

Wenn es darum geht, herstellerübergreifende Systeme zu bauen – was ja einer der Kerngedanken hinter Industrie 4.0 ist – dann ist OPC/UA der wichtigste Standard in der Automationsindustrie, mit dem Geräte miteinander sprechen können. Das auch effizient umsetzen zu können, mit den richtigen Bedingungen und sinnvollen Toolchains, haben wir bei Microsoft am stärksten verwirklicht gesehen.

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Oliver Niedung: Das ist auch einer der Hauptgründe, warum wir Technologien wie Azure IoT Edge unter Open Source herausgeben. Denn wenn wir das tun, kommt eine aktive Community hinzu, die die Technologie selbsttätig erweitert. Gerade im europäischen Raum sehen wir derzeit sehr viele Anbieter, die vorher eigene proprietäre Technologien entwickeln wollten, jetzt aber tatsächlich die Eigenentwicklungen zurücknehmen. Es ist eben einfacher, vorhandene Features mit Hilfe von nur ein oder zwei Entwicklern an die eigenen Ansprüche anzupassen, als zehn Entwickler damit zu beauftragen, etwas komplett eigenes aufzubauen. Oft findet sich sogar ein Community-Projekt, dass die eigene Problematik bereits adressiert hat oder aus dem sich der eine oder andere Entwickler bereit erklärt, ein bestimmtes Wunsch-Feature zu implementieren.

Hans-Jürgen Hilscher: Das kann ich nur bestätigen. In meiner Firma sind letztendlich 25 Leute intensiv mit der Softwareentwicklung beschäftigt. Und das ist für das, was in der Branche gestemmt werden muss, eine relativ kleine Mannschaft. Um damit viel erreichen zu können, braucht man eine effiziente Tool-Chain, die bereits mit einer hohen Funktionstiefe kommt, die über weitgehend egalisierte Schnittstellen verfügt, und so weiter. Wenn man so etwas hat, kann man auch mit einer kleinen, hochmotivierten Mannschaft wirklich viel erreichen.

„Viele Technologien bringen wir von der Cloud zurück in die Edge“

Edge Computing gilt als zentrales Element, wenn es um Digitalisierung und Datenverarbeitung in bzw. für die Cloud geht. Aber nicht jeder versteht darunter immer dasselbe. Wie würde Ihre Definition von dem Begriff Edge aussehen?

Oliver Niedung: Früher habe ich immer versucht, den Begriff für deutsche Vorträge zu übersetzen. Mittlerweile habe ich das aufgegeben. Wir bei Microsoft nennen es Edge. Alles andere passt nicht!

In einer Netzwerk-Topologie hat man oftmals irgendwo die zentralen Einheiten. Bei modernen Architekturen ist das in der Regel die Cloud. Edge ist im Prinzip das, was sich am entferntesten von der zentralen Computing Entity aufhält: am Rand des Netzwerks. Dort, wo die Daten entstehen, da sprechen wir über die Edge: in der Fabrik, im Krankenhaus, im Einzelhandel, in der Filiale.

Bis vor einigen Jahren hatten wir nicht die technischen Möglichkeiten, Dinge, die wir in der Cloud gemacht werden konnten, auch in der Edge umzusetzen. Das ist jetzt nicht mehr so. Viele Technologien, die wir erst in der Cloud einmal schaffen konnten, bringen wir jetzt zurück in die Edge, in die lokale Anlage, was uns einige Vorteile verschafft. Das ist erst einmal generell unser Verständnis von der Edge.

Hans-Jürgen Hilscher: Das ist jetzt natürlich der Blick von der Cloud nach unten. Man kommt von dort auf die Edge herunter und sagt, „da entstehen die Daten". Aus meiner Sicht, von der OT-Ebene her betrachtet, entstehen die Daten noch ein paar Meter tiefer: Im Sensor, an der Schnittstelle, im Prozess. Das sind viele binäre Daten und Fix-Graphs. Kein Mensch kann die in ihrer Reinform verstehen oder überblicken, es sei denn, er steckt intensiv drin und weiß, mit welchen Standards gearbeitet wird. Will ich mit meinem System oder meiner Anlage in die Cloud, muss ich erst in der Lage sein, aus diesem ganzen Wust von Nullen und Einsen Informationen zu machen, das heißt, zu aggregieren. Erst dann bekommen die Daten Werte, also Informationen, die ich auch verarbeiten kann.

Die Edge ist also das Verbindungsglied. Denn mit Nullen und Einsen allein kann ich in der Cloud nichts anfangen – das erfordert ein Wissen, das auf der Ebene gar nicht da ist. Das ist das Interessante an der Edge. Wenn ich das geschickt mache, also nicht nur einfach Daten weiterschiebe sondern auch bestimmte Module oder Container-Apps hineinpacke, bekomme ich genau dort eine unheimliche Flexibilität. Ich kann die Ebene smart machen. Ob ich nun Sensorhersteller oder Antriebshersteller bin: Ich kann mein Wissen aus meiner Ebene weiter veredeln, erweitern und schließlich als Information, als Mehrwert, entweder in die Cloud weitergeben oder auf Operator-Ebene bereitstellen.

Die Edge ist auch eine Plattform, an der man Intelligenzdaten von verschiedenen Herstellern miteinander kombinieren kann. Daraus kann ich für meinen Kunden andere Mehrwerte generieren oder andere Geschäftsmodelle bilden. Der Sensorhersteller, der seinen Sensor kennt, kennt nicht unbedingt die Aktuatoren, die sein Kunde in seiner Lösung angeschlossen hat. Trotzdem brauche ich auf dieser Ebene vielleicht eine Kommunikation oder einen Austausch zwischen den einzelnen Bauteilen. An diese Stelle bekommt die intelligente Edge sehr viel Bedeutung, weil man damit individuelle Probleme lösen kann.

Nehmen Sie das Thema Schiene, oder den Antriebsstrang. Diese sprechen oft noch proprietäre Protokolle. Wenn ein Service-Techniker seinen proprietären Schlüssel reinsteckt, kann er durchaus lokal alles an dem Gerät erledigen. Gehe ich aber den Weg über das Internet beziehungsweise über die Cloud, arbeiten andere Protokolle. Wenn ich von der hohen Ebene aus auf die Daten, die lokal in meinem Gerät entstehen, zugreifen will – beispielsweise im Sinne von Predictive Maintenance – dann funktioniert das nicht, wenn ich lokal nur mein eigenes proprietäres Protokoll habe.

In so einem Fall hat der Service-Techniker zwei Möglichkeiten: Entweder baut er eine Converter-Box, in die er über seine proprietäre Lösung seine Daten einbringen kann, und auf der anderen Seite kommt ein internettaugliches Kommunikationsprotokoll wie OCP/UA raus. Oder er hat die Möglichkeit, eine App zu schreiben, die er mittels Edge-Computing dort, wo die Daten entstehen, deployen kann. Letzteres hat den Vorteil, dass ihm das im Vergleich zu einem Extra-Gerät nichts an Herstellung kostet: Der Techniker kann getrost bei seiner proprietären Lösung bleiben und aggregiert die daraus resultierenden Daten auf der Edge-Ebene. Von dort aus steht ihm dann offen, wem er die Daten wie oder in welcher Form weiterleitet. Das ist einer der ganz großen Vorteile der Edge, dass ich auf dieser Ebene Hardware durch Software ergänzen kann.

Oliver Niedung: So wie ich das sehe hat man Abstraktionen. Die erste ist eine Abstraktion von der Hardware selbst. Man ist wesentlich flexibler, seine Lösungen auf verschiedenen Hardware-Umgebungen laufen zu lassen. Die darunterliegende Hardware ist wesentlich flexibler als früher, allein schon durch die Offenheit der Protokolle. Das zweite ist die Kapselung von in der Industrie relevanten Applikationen in Containern. Aber wo lasse ich den Container laufen: in der Cloud, oder lieber irgendwo in der Fabrik? Inzwischen habe ich die Möglichkeit, genau zu sagen, wo dieser Einsatz am sinnvollsten ist, aufgrund der Umgebungsanforderungen, der Abhängigkeit von der Hardware anstatt vom Ort, an dem letztendlich meine Datenverarbeitung, geschieht.

Wir sehen also vier Vorteile beim Edge Computing. Der Erste ist Datenschutz und Datensouveränität. Wir sind in der Lage, Daten nur lokal zu halten. Punkt zwei ist die Kosteneffizienz. Natürlich freut sich Microsoft, wenn sämtliche Daten, die aus einem Prozess in der Edge ankommen, direkt in unsere Cloud übertragen werden. Es ist aber nicht unbedingt immer sinnvoll, schon gar nicht ökonomisch. Betreiber sind jetzt in der Lage, eine Kostenkontrolle zu haben, indem sie sagen: Wir belassen bestimmte, beispielsweise hochfrequente Daten am Entstehungsort und geben nur das Nötigste weiter. Das lässt sich auch flexibel variieren: Wenn ich zum Beispiel eine Anomalie erkannt habe, möchte ich vielleicht mehr Daten sehen als im normalen Betrieb.

Der dritte Vorteil betrifft die Latenz. Gerade in der Prozessindustrie muss ich innerhalb von Millisekunden reagieren können. Wenn ich erst den ganzen Weg in die Cloud und wieder zurück gehen muss, ist der Weg viel länger, als wenn ich Daten vor Ort verarbeite. Egal, wie optimiert mein Prozess oben ist, lokal kann ich wesentlich schneller reagieren.

Der vierte Vorteil, der in all das genannte mit hineinspielt, ist die Verfügbarkeit eines robusten und breitbandigen Internets – oder besser gesagt, die Eigenschaft, mit Edge Computing davon nicht komplett abhängig zu sein. Wir haben immer noch viele Gegenden, auch hier in Deutschland, die nicht alle immer robusten und breitbandigen Zugang zum Internet haben. Auch in diesen Gegenden wollen Hersteller erfolgreich produzieren können. Dort will man Daten übertragen, wenn das Internet verfügbar ist, aber ohne Beeinträchtigung weiterproduzieren können, wenn es gerade langsam oder nicht erreichbar ist.

Hans-Jürgen Hilscher: Wenn wir in die Zukunft blicken, werden wir weit mehr Funktionalitäten der Edge sehen, die heute noch mit diskreten Devices oder Lösungen realisiert werden. Wir haben zum Beispiel Soft-PLCs. Aber warum sollte eine Soft-PLC nicht auf einer Edge laufen? Ich denke, da werden sich in der Automatisierungstechnik noch Veränderungen oder Alternativlösungen ergeben.

Welche konkreten technischen Bausteine bieten Microsoft und Hilscher an, um diesen Bedarf zu bedienen?

Oliver Niedung: Wir bieten zum einen das schon erwähnte Azure IoT SDK, eine Technologie, um jedes beliebige Gerät in der Cloud zu verbinden. Dann haben wir Technologien, die aktuell in der Cloud selbst beheimatet sind. Der Azure IoT Hub etwa ist ein Dienst, der in der Lage ist, hochskalierend bis zu mehrere Milliarden Geräte über geographisch verteilte Orte hinweg zu verwalten, und zugleich dazu dient, die Provisionierung zu übernehmen. Wir bieten etwa einen sogenannten Device Provisioning Service, mit dem ich es über ein Shared Secret ermöglichen kann, dass sich jedes Gerät selbst konfiguriert.

Azure IoT Edge ist gerade für die Edge-Aktivitäten das wichtigste Werkzeug. Es besteht auf unterster Ebene aus einem IoT Edge Security Daemon für die Sicherheitsverwaltung, dem IoT Edge Agent, der im Prinzip die Konzertierung der einzelnen Dienste verwaltet, und dem IoT Edge Hub, der für Endgeräte die Möglichkeit bietet, sich mit einem Gateway zu verbinden und so auf die erweiterten Möglichkeiten einer IoT-Anbindung zuzugreifen.

Dann bieten wir Azure Digital Twins, dass sich aktuell noch in der Preview befindet. Es erlaubt Entwicklern, Personen, Geräte und Orte zu modellieren und im Kontext für unterschiedliche Nutzungen eigene Szenarien zu verwenden.

Und schließlich haben wir Azure IoT Plug & Play. Stand heute muss man programmieren können, wenn man Sensoren verbinden will. Der Ingenieur muss wissen, wie er den Sensor adressiert, welche Fähigkeiten dieser besitzt, und welche Schnittstellen für eventuelle Anbindungen an andere Geräte genutzt werden müssen, beziehungsweise welche Stacks er hierfür benötigt. Deshalb haben wir Azure IoT Plug & Play gelauncht. Dort kann ein Gerätehersteller, beispielsweise der Sensoranbieter, eine Capability-Beschreibung für die gewünschte Hardware hinterlegen. Mit dieser kann der Ingenieur dann, ohne dass ein Programmierer erforderlich ist, an einem beliebigen Azure-Plug-and-Play-fähigen Gerät eine IoT-Lösung anbinden, die sich selbsttätig in das gesamte Szenario integriert.

Das erinnert an die Computer-Nutzung von früher: In Windows-95- oder Windows-98-Zeiten mussten Anwender auch jedes Mal, wenn sie ein Gerät angeschlossen haben, erst einmal den Treiber suchen. Eine vernünftige zentrale Datenbank gab es nicht. Allein dem Betriebssystem klarzumachen, was der Anwender mit dem angeschlossenen Gerät machen will, war ein großer Aufwand. In modernen Windows-Rechnern findet sich der Treiber in der Regel automatisch über das Internet. Diese Plug-and-Play-Fähigkeiten, die wir aus Windows kennen, haben wir in das Internet der Dinge gebracht.

Hans-Jürgen Hilscher: Dazu würde ich gerne ein praktisches Beispiel bringen: Sagen wir, ein Maschinenbauer hat ein Gateway von uns. Gleichzeitig betreibt er in seinen Anlagen verschiedene Maschinen-Konstellationen mit verschiedenen Bauteilen von anderen Kunden, und mit entsprechend vielen verschiedenen Geschäfts- und Business-Modellen. Wenn nun der Kunde das Gateway einsetzt oder seine Maschine einschaltet,wird automatisch über das Edge-Portal das Gateway erkannt. Ist das Gerät zugeordnet, dann findet der Maschinenbauer dort hinterlegt, welche Apps auf diesem Gerät deployed werden können, weil diese genau zu den Bauteilen dieser Maschine passen.

Damit das funktioniert, muss das Gateway natürlich bestimmte Dinge wissen: Etwa, welche Schnittstellen habe ich an der Maschine? Welche Funktionalitäten hat die Maschine? Was kann ich an Daten rausholen? Das heißt, derjenige, der die Capability-Beschreibung hinterlegt, muss einstellen, was bei welchem Maschinentyp benötigt wird. Alles andere passiert dann eigentlich automatisch. Das Gerät geht bei seiner Inbetriebnahme in die Cloud, holt sich die Container die zu seiner Beschreibung passen, und das war’s: Das Setup steht, die Maschine läuft.

Oliver Niedung: So etwas ermöglicht natürlich ganz andere Möglichkeiten der Monetarisierung. Auch der Wettbewerb stellt sich ganz anders dar, weil ich mit einem Mal auf Wettbewerbsumgebungen mit meiner eigenen, besonders guten Logik Geld verdienen kann.

„Kunden geben einem die relevanten Daten gerne, weil ihnen das letztlich selbst am meisten nutzt“

„Gerade hier im deutschsprachigen Raum ist eine enorme Kompetenz gewachsen, die ihresgleichen sucht.“
„Gerade hier im deutschsprachigen Raum ist eine enorme Kompetenz gewachsen, die ihresgleichen sucht.“
(Bild: Microsoft)

Wie verändern sich durch diese Logik die Geschäftsmodelle?

Hans-Jürgen Hilscher: Da gibt es mehrere Möglichkeiten. Sagen wir, eine Firma stellt Getriebe her. In diesen ist bereits Sensorik verarbeitet, die etwa den entsprechenden Verschleiß der Mechanik mißt Aber was macht der Getriebehersteller mit den Daten? Wo kann er sie auswerten? Was kann er Sinnvolles anstellen? Wenn der Hersteller eine Edge-Verarbeitung auf dem Gerät laufen lässt und dafür eine App geschrieben hat, die etwa aus den gesammelten Daten den Verschleiß oder den Zustand des Getriebes darstellen kann, ist das ein Mehrwert, den er seinen Kunden anbieten kann. So lassen sich Gefahren, Verschleiß und Ausfallwarnungen schnell und frühzeitig anzeigen.

Das ist ja das Interessante: All das kann er mit Hilfe von anderen Produkten, anderer Technologie, auf einer anderen als der Gerätebene machen. Solche Apps bieten wir zum Beispiel an, die in der Lage sind, Daten aus Devices herauszuholen und bereitzustellen. Dann kann die App des Getriebeherstellers auf Daten zugreifen, die sein Gerät auf unterster Ebene generiert hat. Und der Anbieter kann seine eigene Logik daraufsetzen.

Wieso wird gerade jetzt das Thema Intelligent Edge, mitsamt den maschinellen Lernmodellen, den Service-angeboten oder der Software-Kompetenz für die eigenen Leute, für die Automatisierung so wichtig?

Oliver Niedung: Die Zeit ist reif. Der Nutzen von IoT für die Industrie wir nicht mehr angezweifelt. Die meisten Unternehmen sind jetzt in der Situation, sich um die eigene digitale Transformation zu kümmern. Das ist eine Folge des Marktdrucks. Technologisch hat es lange Zeit gedauert, um die Cloud auf einen Reifegrad zu bringen, an dem Service-Level-Agreements sehr gut funktionieren. Microsoft hat die Azure Cloud 2008 gelauncht, und in den vergangenen elf Jahren haben wir sehr viele Erfahrungswerte gesammelt. Viele von den Konzepten, die sich bisher in der Cloud sehr gut bewährt haben, bringen wir jetzt zurück auf Geräteebene, in die Edge.

Hans-Jürgen Hilscher: Die Automatisierung selbst bringt keine großen neuen Technologien hervor. Dafür ist die Landschaft viel zu heterogen. Dafür gibt es zu viele Mitspieler in der mittleren und kleineren Größe, die nicht in der Lage sind, so etwas zu leisten. Das heißt, eine Technologie entsteht meist erst in anderen Bereichen. Erreicht sie dort einen gewissen Reifegrad – meist verbunden damit, dass sie auch einen gewissen Kostenfaktor unterschreitet - wird sie für die Automatisierung interessant.

Ein gutes Beispiel ist Kommunikationstechnik. Zuerst kamen Feldbusse auf, später das Thema (Industrial) Ethernet. Ethernet wurde zuerst jahrelang ausschließlich in der IT genutzt, ehe es jetzt auch für industrielle Kommunikation genutzt wird. Heute ist etwa TSN ein wichtiges Thema. Time Sensitive Networking wurde nicht in der Automatisierung entwickelt, sondern für den Automotive-Bereich und in der Mobiltelefontechnik, jetzt ist es eine der wichtigsten Kommunikationstechnologien in der Industrie.

Ich sehe es so, wie Oliver es beschreibt: Diese Technologien sind jetzt einfach so weit, dass sie für die Automatisierungstechnik, gerade auch in dieser Vielfalt, mit speziellem Knowhow vernünftig genutzt werden können.

Event-Tipp: intelligent edge conference

Die i-edge conference ist Deutschlands neue Entwicklerkonferenz und Networking Event, die sich mit den Themen Intelligent Edge, Machine Learning und Künstliche Intelligenz in Embedded Systemen befasst. Sichern Sie sich jetzt den Wissensvorsprung für eine neue Ära und melden sich zur ersten i-edge conference an.

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„Die Frage lautet: Wie bekomme ich die vorhandenen Standards interoperabel auf einer Anlage zusammen?“

Zieht man alle Faktoren in Betracht – den gesteigerten Bedarf an Software-Know-How , die agilen Organisationsmethoden, flexible und konstante Produktweiterentwicklung – spricht man wohl zu Recht von Disruption. In wie weit ist all das, wenn man die deutsche Automatisierungslandschaft betrachtet, bereits in deren Köpfen angekommen? Wo stehen wir? Und welche Auswirkungen hat das?

Hans-Jürgen Hilscher Das ist eine schwierige Frage. Wir haben jetzt ein Szenario, wo viele Hersteller zu Automatisierungsbereichen intensive Marktforschung betrieben haben. Hilscher Automation und die Open Industry 4.0 Alliance haben sich den Markt in Europa und mit den großen, weltweit agierenden Anbietern angesehen. Wir haben in dem Bereich alleine um die 80 Cloud-Plattformen ausgemacht. Das liegt daran, dass jeder Hersteller versucht, erst einmal seine Geräteumgebung, sein System, seine Devices in so eine Struktur hineinzubringen. Ich denke, es muss sich eine Konsolidierung einstellen. Sonst wird dieser Gedanke von Industrie 4.0, wo Geräte weltweit und unabhängig vom Hersteller miteinander vernetzt sein sollen, nicht funktionieren.

Wo muss nachgebessert werden?

Hans-Jürgen Hilscher Technologisch sind wir denke ich super aufgestellt. Wir haben seit vielen Jahren Industrie-4.0-Plattformen, ob nun vom Fraunhofer Institut oder diversen anderen Aktivitäten. Es wurden sehr viele Paper produziert, der VDMA hat Modelle herausgegeben, und so weiter. Aus vielen Bereichen gibt es eine ganze Menge Informationen und Grundlagen.

Wir brauchen keine neuen Standards. Die Frage ist vielmehr: Wie bringe ich die vorhandenen Standards interoperabel auf eine Anlage zusammen? Das ist, glaube ich, das Problem, das wir lösen müssen. Deutschland muss da ein Stück Pragmatismus an den Tag legen. Firmen, die das Problem lokalisiert haben, müssen gemeinsam die Themen angehen. Dann, denke ich, kann man in relativ kurzer Zeit ganz deutlich zu dem Stand aufschließen, den wir hinsichtlich Industrie 4.0 erreichen wollen.

Oliver Niedung: Gerade hier im deutschsprachigen Raum ist eine enorme Kompetenz gewachsen, die ihresgleichen sucht. Aus unserer Sicht geht es jetzt darum, diese Fähigkeiten weiter auszubauen. Es liegt an den Firmen selbst, das in die Hand zu nehmen. Was interessant sein könnte, wäre ein bisschen mehr Agilität in den Verbänden. Weil wir die essentiellen Komponenten bereits zusammen haben, wäre ein gesunder Pragmatismus sicherlich hilfreich.

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