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Kritik an Scrum & Co. Softwareexperte Erik Meijer bezeichnet agile Methoden als „Krebsgeschwür“

Redakteur: Franz Graser

Agile Methoden werden weithin als Erfolgsrezept gegen verkrustete Software-Entwicklungsprozesse gesehen. Doch der niederländische Informatiker und Dozent Erik Meijer polemisiert scharf gegen die agilen Modelle.

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Bunter Vogel: Der niederländische Informatiker Erik Meijer, der lange Jahre für Microsoft tätig war, spricht sich gegen agile Entwicklungsmethoden aus. Er sagt: „Wir reden zu viel und schreiben nicht genug Code.“
Bunter Vogel: Der niederländische Informatiker Erik Meijer, der lange Jahre für Microsoft tätig war, spricht sich gegen agile Entwicklungsmethoden aus. Er sagt: „Wir reden zu viel und schreiben nicht genug Code.“
(Bild: Adewale Oshineye/CC-BY SA 3.0)

Die Zukunft der Softwareentwicklung ist agil. Zumindest könnte man dieses meinen. Vorträge und Seminare zu agilen Methoden wie etwa Scrum finden sich im Programm fast jeder großen Entwicklerkonferenz. Fachbücher zu agilen Methoden finden sich in vielen Büros von Software-Projektmanagern und Entwicklern.

Tatsächlich versuchten die agilen Ansätze, die seit den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts virulent sind und 2001 im sogenannten agilen Manifest formulierten wurden, eine Gegenbewegung zum bürokratischen Überbau traditioneller Methoden wie etwa dem Wasserfall-Modell zu bilden.

Der Erfolg des agilen Manifests liegt nicht zuletzt darin begründet, dass die darin formulierten Grundsätze klar verständlich und für viele nachvollziehbar sind. So wird Individuen und Interaktionen der Vorrang über Prozesse und Werkzeuge eingeräumt, funktionierende Software zählt mehr als umfassende Dokumentation, Zusammenarbeit mit dem Kunden erhält Vorfahrt gegenüber Vertragsverhandlungen und das Reagieren auf Veränderungen wird höher eingeschätzt als das Befolgen eines vorab festgelegten Plans.

So weit, so gut? Dennoch ließ der niederländische Informatiker Erik Meijer Ende 2014 auf einer Entwicklerkonferenz in Finnland kein gutes Haar an den agilen Methoden. Meijer war unter anderem lange für Microsoft tätig und ist heute Honorarprofessor für Programmiersprachen-Design an der School of Computer Science der Universität Nottingham. Wie der britische IT-Onlinedienst The Register berichtet, hat Meijer die agilen Ansätze in Bausch und Bogen verdammt. „Agil ist ein Krebsgeschwür, das wir aus der Branche eliminieren müssen“, zitiert der Register den Niederländer.

Meijer kritisiert, dass in agilen Projekten zu viel über Code gesprochen, aber nicht genug Code programmiert werde. Die Steh-Meetings, ein Kennzeichen der Methode Scrum, sieht der Niederländer bestenfalls als lästige Unterbrechung der Arbeit, schlimmstenfalls aber als unterschwelligen Kontrollmechanismus, bei dem die Projektmanager die Mitarbeiter glauben lassen wollen, sie würden die Verantwortung mit ihnen teilen. „Wir sollten Schluss machen mit Scrum und Agile“, lautet deshalb sein Fazit. „Wir sind Entwickler, wir schreiben Code.“

Der Register ließ diese Kritik nicht unkommentiert stehen und bat deshalb den IT-Architekten Nic Ferrier vom Beratungshaus ThoughtWorks um eine Stellungnahme. ThoughWorks setzt agile Techniken ein. Ferrier sagte dem britischen Onlinedienst, das Problem liege nicht in erster Linie an den agilen Methoden selbst, sondern an der Tatsache, dass Entwickler und Geschäftsleute nicht in der Lage seien, eine gemeinsame Sprache zu finden.

Aus Sicht von Ferrier ist Agile zumindest in Teilen ein Opfer des eigenen Erfolges geworden. Als die agilen Methoden zu ersten guten Ergebnissen führten, hätten Unternehmen damit begonnen, Werkzeuge zu entwickeln, die diese Verfahren unterstützten. Firmen sei somit die Idee vermittelt worden, dass Agile ein Werkzeug sei, das man kaufen könne.

In ein ähnliches Horn stieß auch Erik Meijer. Er zitierte mit Dave Thomas einen der ursprünglichen Unterzeichner des agilen Manifestes. Thomas hatte demnach gesagt: „´Der Begriff "agil" ist so weit unkenntlich gemacht worden, dass er faktisch bedeutungslos geworden ist. Was sich als agile Community ausgibt, scheint größtenteils eher eine Arena für Berater und Hersteller zu sein, die ihre Dienste und Produkte verhökern wollen.“

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