Das Thema Software Engineering besteht seit etwa 50 Jahren. Das Engineering sollte helfen, einen Weg aus der „Software-Krise“ zu finden. Ist diese Überwunden? Wie hat sich Software Engineering bis heute verändert? Und welche Rolle spielen modernde Entwicklungen wie KI? Diesen Fragen stellte sich eine Expertenrunde aus unterschiedlichen Branchen auf der Podiumsdiskussion des 11. ESE-Kongresses in Sindelfingen.
Die Expertenrunde der Podiumsdisukssion zum FPGA-Kongress 2018. vlnr: Peter Guse (grow platform GmbH - A Bosch Company), Prof Jochen Ludewig (Uni Stuttgart), Thomas Lühr (ISF München), das Moderatorengespann Martina Hafner und Johann Wiesböck (Elektronikpraxis), Prof Holger H. Hoos (Universiteit Leiden) und Lars Vollmer (intrinsify.me).
(Bild: foto art / Elisabeth Wiesner)
„50 Jahre Software Engineering: Sind wir eigentlich raus aus der Software-Krise?“. Unter diesem Leitmotiv startete die Expertenrunde des 11. ESE-Kongresses in Sindelfingen. Denn 1968, 50 Jahre zuvor, fand erstmals ein Kongress zum Thema Software Engineering statt, der sich mit eben jener Krise beschäftigen sollte: Wie bekommen es Entwickler hin, angesichts rapide fortschreitender Hardware-Technologien entsprechende Software zu schreiben, die mit diesen Technologien mithalten kann?
Dabei hat Software Engineering sich in der modernen Zeit nicht nur alleine mit den Herausforderungen rapide fortschreitender Hardware zu messen. Software begleitet die Gesellschaft auch immer mehr im Alltag, der zunehmend auch von aktuellen technologischen Themen wie Digitalisierung und künstlicher Intelligenz geprägt ist. Welche Rolle spielt also modernes Software Engineering in diesem Umfeld? Kann die sogenannte Software-Krise heute überhaupt als überwunden bezeichnet werden?
„Das könnten wir nur beantworten, wenn wir uns darüber einig sind, worin die Krise besteht,“ eröffnete Professor Jochen Ludewig die Debatte. Der renommierte Professor für Softwaretechnik, der 30 Jahre an Erfahrung im Bereich des Software Engineerings mit sich bringt, legte dar, dass Softwareentwickler insofern einen schweren Stand haben, als dass sie immer am Moore'schen Gesetz der Hardwareentwicklung gemessen werden. Nach diesem hatte die Leistungsfähigkeit innerhalb der letzten knapp 60 Jahre im Zeitraum von 18-24 Monaten stets eine Veroppelung der Leistung hingelegt - eine gerade phänomenale Steigerung. Dabei werde die Hardware gleichzeitig immer noch von menschlichen Gehirnen programmiert – „und die menschlichen Gehirne haben in den letzten 60 Jahren kaum Wachstum hingelegt,“ zog Ludewig den Vergleich, was das anwesende Fachpublikum mit Belustigung auch anerkannte.
Allerdings habe die Softwareentwicklung in dieser Zeit durchaus eine bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen. Mit den modernen Tools und Entwicklungsgrundsätzen wären die Probleme der Vergangenheit absolut problemlos zu bewältigen. Aber neben der immer komplexeren Hardware sind seitdem auch neue Herausforderungen hinzugekommen – vor 50 Jahren hatte etwa kein Programmierer Themen wie Safety oder Security auf dem Schirm. „Ich denke, die Bezeichnung Krise ist irreführend,„ sagte Ludewig. „Aber wenn wir feststellen, dass wir nach wie vor sehr, sehr große Probleme haben, immer mehr, und immer neue, dann ist das sicherlich zutreffend."
Zwiespruch über Krisenbegriff und das Wort Digitalisierung: „Damit kommen wir halt an Geld"
Peter Guse von Bosch und deren Startup-Aggregator grow sieht hingegen aktuell keine Krise: Bei Bosch mache beispielsweise Software inzwischen einen großen Teil der Wertschöpfung aus - und das trifft in der modernen Entwicklung auf zahlreiche andere Unternehmen zu. Gerade wenn von digitslisierung gesprochen wird betrifft dies in erster Linie auch den Stellenwert, den Software heutzutage hat. „Das Thema digital, das können wir nur, wenn da wirklich auch Hardware UND Software mit drinnen steckt," merkte Guse an. Von Krise sei da nichts zu merken.
Eine Ansicht, die nicht nur unter den Experten, sondern auch im Publikum auf geteilte Meinung traf. So meldete sich im Verlauf des Gesprächs ein ehemaliger IBM-Mitarbeiter, der trotz aller inzwischen Verfügbarer Tools und Techniken den Endruck hatte, die Art, Software zu schreiben, habe sich in den vergangenen Jahren kaum verändert.
Und wenn es um Trendthemen wie die erwähnte Digitalisierung gehe, warf Professor Ludewig ein, sei ja schon vieles lächerlich, was Massenmedien oder Politiker zu diesem Thema äußern. Mit Digitalisirung von Daten habe er sich schließlich bereits 1972 in seiner Diplomarbeit befasst – heute benutzen dagegen Informatiker den Begriff lediglich als Worthülse, weil sie in Mode ist und sie deswegen einfacher an Gelder kämen. Auf solche „Schaumschlägerei" reagiere er als Ingenieur generell gereizt. Mit Künstlicher Intelligenz verhalte es sich ähnlich: Es sei zwar wirklich toll und bemerkenswert, welche Entwicklungen Künstliche Intelligenz zum Beispiel in den Feldern der Medizin nun leisten könne. Aber das, was man in der Öffentlichkeit dazu zu sehen bekomme, lasse doch generell einen praktischen Nutzen vermissen: „Wenn ich da jetzt so in der Werbung sehe, dass da jemand mit seinem Warmwasserbereiter kommuniziert, da sage ich: Sorry, da kann ich gut ohne mit auskommen."
Stand: 08.12.2025
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