Ich vermittle in meinen Seminaren einen Grundsatz, der sich in meiner Berufspraxis meist bewährt hat: Kümmere Dich erst um die Beziehung und dann um die Sache. Wenn die Beziehung im Projektteam, zwischen Kunden und Projektteam oder im allgemeinsten Fall zwischen Projektteam und den anderem Stakeholdern stimmt, werden die Beteiligten auch mit schwierigen Situationen fertig.
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Das heißt nicht, dass diese Beziehungen konfliktfrei sind und immer eitel Sonnenschein herrscht, sondern dass die Personen einen wertschätzenden, fairen und professionellen Umgang pflegen, der ihnen hilft, gemeinsam eine Lösung zu finden.
Diese Qualität von Beziehungen dient nicht nur Bedürfnissen wie Zugehörigkeit, Sicherheit, Anerkennung und Fairness, sondern ist auch eine gute Basis zur Erfüllung weiterer Bedürfnisse wie Selbstbestätigung, Erfolg und Existenzsicherung.
Dokumentation: Wunsch oder Wirklichkeit
Was nutzt die Dokumentation, wenn die Software nicht funktioniert? Oder was noch viel häufiger der Fall ist: Was nutzt sie, wenn sie nicht die Realität beschreibt sondern ein Wunschbild? In diesem Fall vermittelt sie eine trügerische Sicherheit. Das Problem ist, dass Dokumentation und Software in der Regel nicht logisch verkoppelt sind und damit die Gefahr besteht, dass sie nach und nach verschiedene Welten repräsentieren: die der Realität und die des Wunsches.
Da sich gut strukturierte Software leichter dokumentieren lässt bzw. weniger Dokumentation erfordert, ist es sinnvoll, den Nutzen der Funktionalität über die Dokumentation zu stellen. Auch dieser Wert begünstigt die Erfüllung menschlicher Bedürfnisse, wie Erfolg, Effektivität, Anerkennung, Erkenntnis oder Sicherheit.
Vertrauen ist nicht nur gut, sondern besser
Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Kunden ist in den agilen Werten bedeutender als vertragliche Vereinbarungen. Dies macht vor dem Hintergrund, dass gerade bei komplexen Softwarelösungen die Anforderungen in Gänze schwer greifbar sind, sehr viel Sinn. Der Zwang, ein gewünschtes Ergebnis im Detail zu formulieren, übersteigt bei komplexen Systemen die Vorstellungs- und Formulierungskraft der Beteiligten.
Was spricht denn dagegen, sich dieser Schwäche bewusst zu sein und sich gemeinsam Schritt für Schritt in die neue Welt vorzuwagen und den dabei gemeinsam erzielten Erkenntnisgewinn für den weiteren Projektverlauf zu nutzen?
Wir bekommen vielleicht dann am Ende nicht das Ergebnis, das wir uns am Anfang gewünscht haben. Doch wir bekommen am Ende das Ergebnis, das wir uns am Anfang gewünscht hätten, wenn wir gewusst hätten, was wir am Ende des Projekts wissen. Ein komplizierter Satz, aber es lohnt sich darüber nachzudenken.
Auch dieser agile Wert gibt wichtigen Bedürfnissen wie Anerkennung, Fairness, Vertrauen oder Ausgleich von Geben und Nehmen eine Chance. Verträge können Vertrauen nicht ersetzen. Sie sind lediglich ein Notnagel, wenn wir uns in unserem Vertragspartner getäuscht haben.
Nichts ist so beständig wie Veränderung
Kommen wir zum letzten agilen Wert. Der professionelle Umgang mit Veränderungen hat eine größere Bedeutung als die Planung. Nichts ist im Leben im Allgemeinen und im Projekt im Besonderen so beständig wie die Veränderung!
Der Projekterfolg wird in der Realität weniger dadurch bestimmt, wie genau wir einen Plan erfüllen, sondern wie gut wir mit Situationen umgehen, die eben nicht vorhersehbar sind. Ein langfristiger Plan ist sinnvoll, wenn er auf realistischen Erfahrungswerten beruht, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auch für die Zukunft zutreffen.
Ist diese Voraussetzung nicht gegeben, ist es besser, der Unwissenheit mutig ins Auge zu blicken und sich quasi auf Sicht voranzutasten. In diesem Fall hilft dieser agile Wert dabei, zu unserem Bedürfnis nach Orientierung und Halt eine realistische und praxisnahe Haltung einzunehmen.
Und die besagt, dass wir das Unvermeidliche nicht als Hindernis, sondern als Ressource betrachten: Veränderungen lassen Menschen und Teams reifen, liefern Inspiration und neue Möglichkeiten. Die durch Veränderungen bedrohte Sicherheit und Orientierung werden so durch die Chance auf Wachstum und Reife, vielleicht auch Souveränität, kompensiert.
Im Prinzip geht es um Reifung
Die agilen Prinzipien bilden diese Werte auf grundsätzliche bedürfnis- und realitätsorientierte Handlungsempfehlungen ab, die sich stichwortartig folgendermaßen zusammenfassen lassen: Förderung von Kommunikation und Transparenz, Unterstützung der Selbstreflexion, design follows function, keep it simple and stupid, regelmäßiger Arbeitsrhythmus, Veränderungen sind willkommen, Schaffung optimaler Rahmenbedingungen.
Stand: 08.12.2025
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Hinter den Prinzipien steckt meines Erachtens die Einsicht, dass, wenn wir das Richtige richtig tun, am Ende etwas Sinnvolles herauskommt, auch wenn wir anfangs nicht wirklich wissen, was das genau sein soll.
Diese Prinzipien geben eine gute Leitlinie und lassen viel Raum für die individuelle Gestaltung und Interpretation. Es liegt in der Verantwortung agiler Teams, etwas daraus zu machen. Eine Möglichkeit ist es, Scrum als Rahmen für die Softwareentwicklung zu wählen.
Dieser Prozess mit seinen Methoden ist eine mittlerweile erprobte und bewährte Umsetzung agiler Werte und Methoden. Die bei Scrum sehr intensive Kommunikation der Beteiligten über fachliche und menschliche Aspekte der Projektarbeit und der offene Umgang mit Situationen und Arbeitsergebnissen fördern nicht nur die Reifung von Ergebnissen, sondern auch der Menschen.
Fazit
Die Orientierung an agilen Werten und Prinzipien ist alles andere als Entwicklerromantik und fixe Idee von ein paar Software-Autisten. Sie stellt eine wichtige Alternative zu klassischen Ansätzen dar. In einigen Fällen ist sie möglicherweise der einzige Ausweg aus dem Dilemma des planmäßigen Umgangs mit dem Unvorhersehbaren.
Als Vertreter der menschlichen Seite des Projekterfolgs gefällt mir, dass Agilität einfach näher am Menschen ist als Ansätze, die versuchen, Menschen in ein zu enges Korsett aus Verträgen, Dokumenten und Plänen zu zwängen. Die kreativen Köpfe, die wir für unseren Erfolg brauchen, werden sich mehr und mehr dagegen wehren. Sehen wir Agilität doch mal agil: eine Veränderung mit großen Chancen.
* Dipl.-Ing. Peter Siwon ist für das Business Development der MicroConsult GmbH verantwortlich und lehrt zudem an der University of Applied Science in Regensburg und Braunschweig.