Dürfen wir Verantwortung an Maschinen delegieren?

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Vorgänge simulieren bedeutet nicht unbedingt verstehen

„Die Tatsache, dass Computer unglaubliche Rechenleistungen vollbringen oder Siri auf dem iPhone alle möglichen Fragen beantwortet, bedeutet nicht, dass etwas Persönliches vor sich geht. Es fehlen einfach mentale Zustände“, stellt Nida-Rümelin fest. Als Beleg hierfür führt er das Gedankenexperiment des sogenannten chinesischen Zimmers an, das der amerikanische Philosoph John Searle (*1932) formuliert hat. Dabei handele es sich um einen Raum, in dem sich ein Mensch aufhält, der die chinesische Sprache nicht beherrscht. Durch ein Fenster werden ihm immer wieder Schrifttafeln gezeigt, die auf Chinesisch formulierte Fragen enthalten.

Da die Tafeln auch Nummern enthalten, kann die Person im Zimmer durch das Fenster seinerseits die passenden Tafeln anzeigen, die die entsprechenden Antworten auf Chinesisch enthalten. Wird zum Beispiel die Fragetafel 21 gezeigt, kann die Person im Zimmer die entsprechende Antwort-Tafel heraussuchen und hochhalten.

Dadurch entstehe zwar der Eindruck, die Person im Zimmer verstünde Chinesisch, was aber nicht der Fall ist. Damit zeigt Searle nach Ansicht von Nida-Rümelin auf, dass das Bestehen des sogenannten Turing-Tests noch nicht beweist, dass es sich um echtes Denken handelt: Ein Computer könne zwar Programme ausführen und Zeichenreihen ausführen; allerdings sei er noch nicht in der Lage, das Gesagte auch zu verstehen.

Die Fähigkeit zur Deliberation, also zum Überlegen und Bewerten, sieht Nida-Rümelin deshalb bei auf Algorithmen basierenden Systemen nicht gegeben. Deshalb verfügen sie auch nicht über die Fähigkeit zur Willensfreiheit und Verantwortung. Deshalb könne Verantwortlichkeit nicht an Computer übertragen werden.

Verantwortung kann nicht delegiert werden

Übertragen auf aktuelle technische Entwicklungen wie das autonome Fahren bedeutet dies, dass die Verantwortung für die Handlungen im Straßenverkehr letztlich nicht an einen Computer übergeben werden kann. Bestimmte Abwägungen, etwa das oft zitierte Dilemma, ob ein autonom gesteuertes Fahrzeug, das in einer Notsituation nicht mehr anhalten kann, eher mit einem älteren Verkehrsteilnehmer oder mit einer jungen Mutter mit einem Kinderwagen, kollidieren solle, sind laut Nida-Rümelin in einer zivilen Ordnung unzulässig.

Daher warnt der Münchner Philosophieprofessor und bekennende Alfa-Romeo-Fan davor, komplexe Abwägungen an einen Algorithmus zu übergeben. Er rät deshalb von autonomen Fahrzeugen ab. Stattdessen spricht er sich für die Regelung der völkerrechtlich verbindlichen Wiener Konvention aus, wonach der Führer eines Fahrzeugs stets die Kontrolle über das Fahrzeug behalten müsse. Das könne in der Praxis so aussehen wie in der Luftfahrt, bei der Piloten häufig nur eine überwachende Tätigkeit ausführen, während der Autopilot fliegt. Der Fahrer müsse eben jederzeit in der Lage sein, einzugreifen.

Eine Alternative wäre eine Art öffentliches Verkehrsmittel, das zentral betrieben wird und bei dem die autonomen Fahrzeuge quasi auf Abruf bereitstehen. Eine Delegation, das wiederholte der Professor an dieser Stelle noch einmal, funktioniere nicht.

Eine weitere Folge der technischen Entwicklung, nämlich die unaufhaltsam voranschreitende Digitalisierung, führt aus Sicht von Professor Nida-Rümelin nicht dazu, dass den Menschen die Arbeit ausgehe. Diese Klage habe es seit Beginn der Industrialisierung gegeben, sagte der Professor. Diese Einschätzungen hätten sich stets als falsch herausgestellt, das Arbeitsvolumen sei im Gegenteil insgesamt gestiegen.

Natürlich werde die Digitalisierung viel verändern, sagte Nida-Rümelin; zu glauben, dass die Maschinen den Menschen letzten Endes die Arbeit abnähmen, käme allerdings einer „Unterschätzung des ökonomisch-sozialen-kulturellen Systems“ gleich.

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