Die Digitalisierung erlebt gerade eine stille, aber tiefgreifende Verschiebung. Klassische Softwareoberflächen verlieren an Bedeutung, während universelle, assistenzgetriebene Interfaces die Interaktion übernehmen. Dieses Phänomen wird schon länger als „Plattform-Amnesie“ beschrieben. Und es weitet sich längst zur „Software-Amnesie“ aus.
Die wachsende Bedeutung agentischer KI wird früher oder später zu einer Abkehr von klassischer UI-Interaktion führen: Werden Business-Anwendungen bald unsichtbar und ihr Branding für Anwender irrelevant?
Plattform-Amnesie bedeutet, dass Nutzende nicht mehr bewusst wahrnehmen, auf welcher Plattform oder in welchem Tool sie eigentlich arbeiten. Schon heute interagieren Millionen Menschen mit Sprachassistenten wie Siri, Alexa oder Google Assistant, um Aufgaben zu erledigen, vom Kalender-Eintrag bis zur Musikauswahl. Die dahinterliegenden Apps oder Dienste verschwinden hinter dem Interface des Sprachbefehls.
Die Kennzeichen einer neuen Nutzungskultur
Im Unternehmenskontext verstärkt sich dieser Trend durch den Einsatz digitaler Assistenten wie Microsoft Copilot oder Salesforce Einstein Copilot. Ein Vertriebsmitarbeiter muss keine Excel-Datei oder Power-BI-Dashboards mehr öffnen, um eine Umsatzprognose zu erhalten. Ein einfacher Prompt genügt und die Assistenz orchestriert die notwendigen Programme im Hintergrund.
Die Folge ist eine neue Form der „Software-Amnesie“. D.h. die konkrete Anwendung tritt in den Hintergrund. Schnittstellen und Workflows werden unsichtbar, weil sie in einem homogenen, assistenzgetriebenen Frontend verschmelzen. Gartner-Analysten sprechen in diesem Zusammenhang bereits von einer „UI-Dekonstruktion“: Klassische Oberflächen verlieren ihren Stellenwert, während semantische Eingaben – also Sprache, Text oder Gesten – dominieren.
Gleichzeitig verschwindet auch die Marke. Wen interessiert es dann noch, welche Software welches Anbieters die gerade benötigten Informationen erzeugt und verwaltet? Das Ergebnis steht im Vordergrund.
Die Auswirkungen: Vom Tool zum Ergebnis
Dieser Paradigmenwechsel hat weitreichende Konsequenzen. In einem ersten Schritt wird sich die Art und Weise verändern, wie Software konsumiert wird. Interaktion wird kontextbezogen, dialogisch und ergebnisorientiert. Nutzende wollen nicht mehr fünf Programme nacheinander öffnen, sondern eine Aufgabe direkt gelöst bekommen, wie zum Beispiel die Erstellung einer Kundenliste oder die Analyse von Churn-Risiken, also warum Kunden abwandern. Agentic AI zieht dafür Daten aus CRM-Systemen, Support-Tools und E-Mail-Analysen zusammen, ohne dass der Anwender die einzelnen Schritte bewusst nachvollzieht – oder überhaupt nachvollziehen will.
IDC geht davon aus, dass die Entwicklung im Softwarebereich letztendlich dazu führen werde, dass die meisten Unternehmensanwendungen zu agentenbasierten Anwendungen werden, in denen Agenten ganze Funktionsbereiche innerhalb der Anwendung ersetzen. So werde es beispielsweise im Bereich Supply Chain Management (SCM) einen Agenten für alle Aufgaben der Bestandsverwaltung, einen weiteren Agenten für die Logistik usw. geben, während die gewohnten traditionellen Schnittstellen in Unternehmenssoftware seltener genutzt werden.
In Folge könnten Agenten den nächsten logischen Schritt gehen und ganze Anwendungen ersetzen – diese Phase könnte voraussichtlich Anfang der 2030er Jahre deutlich an Fahrt gewinnen. Dann würden Unternehmen z. B. einen SCM-Agenten oder möglicherweise eine ganze Flotte von SCM-Agenten anstelle der traditionellen SCM-Software einsetzen. Das Gleiche könnte in anderen funktionalen Märkten geschehen, wie bei CRM-Agenten/Agentenflotten, HCM-Agenten, EAM-Agenten, Finanzagenten usw.
Bekannte Anwendungs-UX verschwimmt im Einheitsgrau
Der oben beschriebene Paradigmenwechsel wird in einem zweiten Schritt Einfluss auf die Softwareentwicklung selbst nehmen. Wenn Interfaces zunehmend unsichtbar werden, müssen Anwendungen „API-first“ und „agent-kompatibel“ gebaut werden. Wer nur auf eine grafische Oberfläche setzt, riskiert, von Agenten übergangen zu werden. Die Integration in Assistenzsysteme wird zur Überlebensfrage.
Das Diagramm zeigt sowohl die Phasen, in denen sich Software weiterentwickeln wird, als auch die von IDC geschätzte Verteilung des Zeitplans für die Einführung.
(Bild: IDC)
Nicht zuletzt hat dies Auswirkungen auf die Markenwahrnehmung. Während heute Logos, Farbschemata und UI-Design zentrale Elemente der Differenzierung sind, drohen diese in einem „Flat-White“-Erlebnis zu verschwinden, in dem jede Software wie der Milchschaum eines Kaffees homogen wirkt. Sichtbar bleibt nur noch das universelle Interface der Assistenz. Für Softwarehersteller könnte das letztendlich bedeuten: Sie verschwinden als White Label der Plattformen, die die Agenten kontrollieren – seien es Microsoft, Google oder OpenAI.
Droht damit das Ende klassischer Benutzeroberflächen? Nicht unbedingt. Aber ihre Rolle könnte sich wandeln. User Interfaces werden nicht komplett verschwinden, sondern optional. Sie treten nur dann in Erscheinung, wenn Anwender bewusst in tiefere Schichten eintauchen wollen. Voreingestellt ist dann ein dialogischer Weg zur Interaktion.
Für Softwarehersteller muss das bedeuten: Sie müssen ihre Produkte „agentisch“ aufrüsten. Zum Beispiel, indem sie standardisierte Schnittstellen für Assistenzsysteme bereitstellen, Workflows orchestrierbar machen und Funktionen über semantische Eingaben zugänglich gestalten. Wer das nicht schafft, läuft Gefahr, unsichtbar zu werden – genutzt vielleicht noch im Hintergrund, aber ohne bewusste Wahrnehmung durch den Anwender.
Stand: 08.12.2025
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Ein Beispiel liefert die Bildbearbeitung: Statt Photoshop zu öffnen und manuell Filter einzustellen, wird künftig ein Prompt in einer Eingabemaske beispielsweise einer Suchmaschine genügen: „Mach das Bild kontrastreicher und entferne den Hintergrund.“ Der Agent ruft die entsprechende API auf und erledigt die Aufgabe. Photoshop selbst bleibt unsichtbar.
IDC sieht in dieser Entwicklung nichtsdestotrotz eine Chance. Unternehmen, die frühzeitig in agentische Schnittstellen investieren, sicherten sich nicht nur Sichtbarkeit im neuen Ökosystem, sondern auch den Zugang zu völlig neuen Nutzergruppen, die sich durch Natürlichkeit und Einfachheit der Bedienung anziehen lassen.
Angesichts dieses bevorstehenden Wandels sei es für Softwareanbieter äußerst wichtig, aufmerksam zu bleiben und Schritt zu halten, um ihre Relevanz und Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. „Die traditionellen Barrieren für den Eintritt in den Markt für Unternehmensanwendungen werden durch eine neue Ära von Softwarelösungen zunehmend in Frage gestellt, die als Agenten konzipiert sind und schneller, einfacher, effektiver und intuitiver zu bedienen sind als herkömmliche Software“, ressümiert IDC-Analyst Eric Newmark.
Die Zukunft ist assistenzgetrieben
Die „Plattform-Amnesie“ ist längst Realität und sie wächst sich zur „Software-Amnesie“ aus. Anwender wird es bald nicht mehr interessieren, welches Tool wessen Anbieters sie bedienen, sondern nur, ob sie ihr Ziel erreichen. Was zählt ist also nicht mehr die Anwendung, sondern das Ergebnis.
Damit entsteht eine assistenzgetriebene und markenneutrale Zukunft bei Anwendersoftware. Natürlich mit einer Ausnahme: Die Plattformen, die die Agenten kontrollieren, werden massiv an Dominanz gewinnen. Für Softwareanbieter bedeutet das: Wer selbst keine agentische Schnittstelle bietet, wird zwar weiterhin genutzt, aber nicht mehr bewusst wahrgenommen.
Die entscheidende Frage lautet daher: Wollen Unternehmen in dieser neuen Welt sichtbar bleiben oder akzeptieren, dass ihre Software zur unsichtbaren Infrastruktur degradiert wird?