Anforderungsmanagement Wissensvermittlung bei der Einführung neuer RE-Methoden

Autor / Redakteur: Chris Rupp, Carsten Pflug* / Franz Graser

Von Zeit zu Zeit steht man vor der Aufgabe, neue Requirements Engineering-Methoden zu etablieren. Aber was nützen die besten Methoden, wenn niemand weiß, wie sie eingesetzt werden?

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Der griechische Philosoph Sokrates (469 v. Chr. - 399 v. Chr.) setzte auf den Dialog als Mittel zur Erkenntnisgewinnung und Wissensvermittlung. Seine Methode hat sich bis heute bewährt.
Der griechische Philosoph Sokrates (469 v. Chr. - 399 v. Chr.) setzte auf den Dialog als Mittel zur Erkenntnisgewinnung und Wissensvermittlung. Seine Methode hat sich bis heute bewährt.

Es ist unumgänglich, eine Strategie zur Einführung der neuen Methoden zu entwickeln, um den betroffenen Mitarbeitern die nötige Kompetenz zu vermitteln. Typische Bestandteile einer solchen Strategie sind Schulungen oder gar ein Einzelcoaching der Betroffenen. Allerdings zeigt die Praxis, dass in einigen Fällen die gewählte Strategie nicht von Erfolg gekrönt war. Ein Grund dafür ist, dass die Vermittlung des Wissens zur Methode nicht das gewünschte Ergebnis gebracht hat. Das liegt daran, dass viele Einflussfaktoren bei der Wissensvermittlung über den Erfolg entscheiden.

Die Faktoren, die den Erfolg der Vermittlung des Wissens beeinflussen, sind vielfältig und reichen von dem zu vermittelnden Wissen bis hin zu Rahmenbedingungen wie der Anzahl der Wissensempfänger oder der zur Verfügung stehenden Zeit. In diesem Artikel werden wir auf diese Faktoren eingehen, sie beschreiben und Empfehlungen für die Auswahl von geeigneten Vermittlungsmethoden geben.

Die Entwicklung von Systemen, seien es Steuergeräte in einem Fahrzeug oder eine Webapplikation für den öffentlichen Dienst, ist einem stetigen Wandel ausgesetzt. Gründe dafür sind vor allem die wachsenden Anwendungsmöglichkeiten, die man mit solchen Systemen hat. Vor einigen Jahren waren die Servolenkung und das Anti-Blockier-System Neuerungen in einem Fahrzeug. Mittlerweile überwacht das Fahrzeug noch den Reifendruck, steuert das Fernlicht automatisch, schaltet bei Regen den Scheibenwischer ein und warnt sogar vor einer drohenden Kollision.

Aufgrund dieser gestiegenen Komplexität wird auch mehr vom Systementwicklungsprozess abverlangt. Neben der Komplexität spielen andere Aspekte eine große Rolle, wie etwa die gestiegenen Anforderungen an die Sicherheit der Systeme. Im Fahrzeugbau ist in den letzten Jahren die Norm ISO 26262 entstanden, woraus sich Anforderungen an die Systementwicklung ableiten lassen.

Derartige Änderungen der Anforderungen an den Entwicklungsprozess führen logischerweise zu Änderungen an den Prozessen selber. Diese werden durch neue Methoden realisiert – so auch in der Disziplin Requirements Engineering.

Eine neue oder veränderte Methode kann natürlich nur wirken, wenn sie von den Betroffenen auch gelebt wird. Dafür müssen diese Mitarbeiter die Methode kennen und einsetzen können.

Nehmen wir den Fall an, dass die neue Methode auf einem modellbasierten Ansatz des Requirements Engineerings beruht. Dann müssen die Betroffenen die verwendeten Diagramme auch lesen und erstellen können. Damit dies möglich wird, müssen den Betroffenen das entsprechenden Wissen und die Fertigkeiten vermittelt werden. Und da liegt häufig der Hund begraben: Denn so manches negative Feedback zu einer neuen Methode hat seinen Ursprung nicht in der Unzulänglichkeit der Methode selbst, sondern in der mangelhaften Vermittlung derselben. Häufig ist also nicht die Methode falsch, sondern sie wird aus Unwissenheit nicht korrekt umgesetzt.

Daher wollen wir uns mal nicht der richtigen Methode, sondern der Vermittlung des Wissens bezüglich einer Methode im Requirements Engineering zuwenden.

Wie funktioniert die Wissensvermittlung?

Wissensvermittlung bedeutet zunächst einmal: Das Wissen muss vom Sender zum Empfänger gebracht werden. Der Sender ist derjenige, welcher das Wissen hat und der Empfänger ist derjenige, der das Wissen benötigt. Nun könnte man sagen: Der Sender erzählt dem Empfänger das Wissen, so wie man es von einem Vortrag her kennt. Allerdings ist das nur bedingt wirksam. Diverse Einflussfaktoren können dazu führen, dass dieser Vortrag nicht den gewünschten Erfolg erzielt. Man denke sich als einfaches Beispiel, jemandem das Autofahren beibringen zu wollen. Würde da ein einfacher Vortrag ausreichen? Rein intuitiv würde man mit „Nein“ antworten. Und damit liegt man auch richtig. Aber warum ist das so?

Die Vermittlungsmethode

Das Vermitteln von Wissen verläuft vom Sender zum Empfänger. Dabei bedient man sich einer Vermittlungsmethode. Das was vermittelt werden soll ist die Kompetenz – zum Beispiel die Kompetenz, Auto zu fahren.

Abbildung 1: Dieses Modell geht von Watzlawicks Sender-Empfänger Modell aus. Die SOPHISTen haben es durch die zu vermittelnde Kompetenz und die daraus resultierende Vermittlungsmethode erweitert.
Abbildung 1: Dieses Modell geht von Watzlawicks Sender-Empfänger Modell aus. Die SOPHISTen haben es durch die zu vermittelnde Kompetenz und die daraus resultierende Vermittlungsmethode erweitert.
(Bild: Sophist)

Dieses Modell basiert auf dem Sender-Empfängermodell aus der Kommunikationswissenschaft von Watzlawick [Watzlawick; Beavin, Jackson 1985].

Die Kompetenz ist das, was vermittelt werden soll. Wie aus Abbildung 1 zu entnehmen ist, gehen mit dem Kompetenzbegriff die folgenden Attribute einher: Bereitschaft, Handlungsfähigkeit, Kontext, deklaratives und prozedurales Wissen. Unter deklarativem Wissen versteht man Sachwissen. So ist zum Beispiel eine auswendig gelernte Telefonnummer deklaratives Wissen. Das Wissen um einen Handlungsablauf (also eine Prozedur) wie zum Beispiel Autofahren wird prozedurales Wissen genannt.

Wenn man die beiden Wissensarten genau betrachtet, so wird deutlich, dass man deklaratives Wissen und prozedurales Wissen auf unterschiedlichem Weg erhält. So geht zwar jeder davon aus, dass man sich eine Telefonnummer merkt, die einem gesagt wird. Niemand würde aber ernsthaft annehmen, dass man durch einen Vortrag lernen könnte, wie man Auto fährt. Was bei solch alltäglichen Dingen klar scheint, bleibt bei der Wissensvermittlung allzu oft unberücksichtigt. Aus diesem Grunde ist die Wahl der Vermittlungsmethode von entscheidender Bedeutung. Denn nur wenn diese richtig gewählt wurde, kann man davon ausgehen, dass der Inhalt beim Lernenden in gewünschter Art und Weise ankommt.

Nicht alle Attribute sind vermittelbar

Während deklaratives und prozedurales Wissen vermittelbar ist, sind es die anderen Attribute nicht oder zumindest nur zum Teil. Unter Handlungsfähigkeit verstehen wir all die Fähigkeiten, die man neben dem Wissen benötigt, um handeln zu können. Darunter sind auch alle essentiellen Dinge gemeint um eine Tätigkeit zufriedenstellend ausführen zu können (zum Beispiel Programmierkenntnisse, kommunikative Fähigkeiten und Ähnliches). Bereitschaft bezeichnet den Willen, das erlangte Wissen auch einzusetzen, denn niemandem nützt brachliegendes Wissen. Nicht zuletzt muss der Wissensempfänger in der Lage sein, seine erlangte Fähigkeit in den verschiedensten Kontexten einzusetzen.

Die Vermittlungsmethode ist die Art und Weise, wie der Sender die Kompetenz an den Empfänger vermittelt. Vermittlungsmethoden sind zum Beispiel ein Vortrag oder gemeinsames Arbeiten an einem Thema. Die Vermittlungsmethode wird in der Didaktik in Sozialformen und Handlungsmuster unterteilt.

Abbildung 2: Häufige Sozialformen in der Wissensvermittlung
Abbildung 2: Häufige Sozialformen in der Wissensvermittlung
(Bild: Sophist)

Die Sozialformen beschreiben ein gewisses Setting, in dem die Wissensempfänger zusammenarbeiten. Sozialformen sind aus der Schule bereits geläufig. Ein typischer Kandidat ist der Frontalunterricht, bei dem ein Sender einer Gruppe Empfängern gegenübersteht. Weniger aus der Schule bekannt, aber auch häufig anzutreffen, ist die Sozialform One-to-one, bei der ein Sender mit einem Empfänger zusammenarbeitet. Oftmals spricht man hier auch vom Einzelcoaching.

Die Vermittlungsmethode besteht neben der Sozialform auch noch aus Handlungsmustern. Die Handlungsmuster sind die elementaren Bausteine der Wissensvermittlung. Durch die Handlungsmuster wird das Wissen überhaupt erst vermittelt. Viele Handlungsmuster begegnen uns tagtäglich und sind uns auch vom Namen her bekannt. Jeder weiß was ein Vortrag ist oder kennt das Handlungsmuster Diskussion. Ein Handlungsmuster wird auch gerade jetzt angewendet und zwar das Handlungsmuster „Lesen“. Eine Übersicht über einige Handlungsmuster zeigt die Abbildung 3.

Abbildung 3: Beispiele für Handlungsmuster in der Wissensvermittlung
Abbildung 3: Beispiele für Handlungsmuster in der Wissensvermittlung
(Bild: Sophist)

Im Folgenden werden wir uns auf die Handlungsmuster konzentrieren. Die Eigenschaften eines Handlungsmusters geben den Ausschlag, ob es unter bestimmten Faktoren das Wissen erfolgreich vermittelt. Ein Faktor ist zum Beispiel die Art des zu vermittelnden Wissens, also deklaratives oder prozedurales Wissen. Handlungsmuster, die für deklaratives Wissen geeignet sind, müssen nicht unbedingt auch für prozedurales Wissen sinnvoll sein. Daher ist interessant, welche Eigenschaften ein Handlungsmuster haben mus,s um für zum Beispiel prozedurales Wissen geeignet zu sein. In Abbildung 4 sind die Eigenschaften eines Handlungsmusters aufgeführt. Eigenschaften sind zum Beispiel, wer (Sender oder Empfänger) den Inhalt des zu vermittelnden Wissen wann maßgeblich beeinflusst. Die Frage lautet also: Ist der Sender der alleinige Herr über den Inhalt – wie man es vom Vortrag kennt – oder kann der Empfänger den Inhalt mitgestalten?

Abbildung 4: Die Vermittlungsmethode näher beleuchtet
Abbildung 4: Die Vermittlungsmethode näher beleuchtet
(Bild: Sophist)

Einflussfaktoren bei der Wahl eines Handlungsmusters

Bei der Frage, wann welches Handlungsmuster eingesetzt werden sollte, muss man sich überlegen, welche Faktoren darauf Einfluss nehmen. Ein Einflussfaktor wurde in diesem Artikel bereits erwähnt, nämlich die Art des Wissens, ob es nun deklarativ oder prozedural ist. Andere Einflussfaktoren wären beispielsweise die Anzahl der Wissensempfänger, die räumliche Verteilung der Empfänger oder die Wichtigkeit des Lernerfolges. Das ist allerdings nur ein Teil der Einflussfaktoren. Derartige Faktoren bestimmen, welches Handlungsmuster in einem bestimmten Fall eingesetzt werden sollte, damit die Wissensvermittlung erfolgreich vonstatten geht. Man kann feststellen, dass bei bestimmten Faktoren nicht nur ein Handlungsmuster funktioniert, sondern häufig eine Auswahl an Handlungsmustern zur Verfügung steht. Das kommt daher, dass bei bestimmten Einflussfaktoren Handlungsmuster einer bestimmten Ausprägung benötigt werden, und es gibt in vielen Fällen mehrere Handlungsmuster mit ähnlichen Ausprägungen.

Im Rahmen dieses Artikels lassen sich nicht alle Zusammenhänge zwischen den Einflussfaktoren und den benötigten Ausprägungen eines Handlungsmusters beschreiben. Der Nutzen der Betrachtung dieser Zusammenhänge soll aber an einem Beispiel gezeigt werden.

Angenommen, in der Disziplin Requirements Engineering sollen in Zukunft Aktivitätsdiagramme zur Darstellung der Abläufe eingesetzt werden. Insgesamt sind es drei Personen mit UML-Grundkenntnissen, die die Diagramme erstellen müssen. Im Prinzip sind hier schon ein paar Einflussfaktoren genannt. Da wären die Anzahl der Empfänger, Vorkenntnisse – und die Empfänger müssen die Diagramme zeichnen können, daher geht es darum, prozedurales Wissen zu vermitteln. Aufgrund dieser Einflussfaktoren benötigt man ein Handlungsmuster, bei dem der Empfänger sehr aktiv ist, da so prozedurales Wissen am besten vermittelt werden kann. Hier muss man sich immer wieder da Autofahren-Beispiel vor Augen führen. Desweiteren möchte man als Sender den Inhalt des zu vermittelnden Wissens stark beeinflussen, da die Empfänger korrekt modellieren müssen, also nicht selber die Regeln festlegen können. Dies und die Betrachtung der weiteren Einflussfaktoren führen zu dem Ergebnis, dass Handlungsmuster wie die Übung oder das Arbeiten an einem Prototyp die sinnigsten sind. Dagegen scheidet der Vortrag oder die Präsentation aufgrund des Mangels an Aktivität des Empfängers aus.

Das Ganze lässt sich auf verschiedene Szenarien anwenden. So kommt man unter Berücksichtigung der entsprechenden Einflussfaktoren auf die jeweils passenden Handlungsmuster.

Fazit

Unsere Betrachtungen haben gezeigt, dass Wissensvermittlung nicht immer nach genau einem Schema ablaufen sollte. Die Vermittlungsmethode sollte vielmehr den jeweiligen Gegebenheiten entsprechend gewählt werden. Denn wie wir gesehen haben, spielen viele Faktoren für die Wahl des Handlungsmusters eine Rolle. Dadurch kann der Erfolg der Wissensvermittlung gesteigert werden, was einen großen Stolperstein bei der Einführung neuer Methoden aus dem Weg räumt. // FG

Linktext

Literaturhinweise:

[1] Watzlawick, Paul; Beavin, Jackson: Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. Bern. 1985. S. 24-26

[2] Gerrig, J.Richard, Zimbardo G. Philip: Psychologie. München. 2008

[3] Krapp Andreas; Weidenmann, Bernd: Pädagogische Psychologie: Ein Lehrbuch. Basel 2006.

[4] Rupp09: Requirements Engineering und Management. Hanser Verlag. 2009.

* * Chris Rupp ist Geschäftsführerin des Nürnberger IT-Beratungshauses Sophist.

* Carsten Pflug ist seit 2002 für SOPHIST als Berater und Trainer tätig.

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