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Wert oder Altlast? Dauerthema Legacy-Modernisierung

| Autor / Redakteur: Otto Geißler / Ulrike Ostler

Komplexe und Jahrzehnte alte Legacy-Systeme treiben die Kosten für Betrieb und Wartung in die Höhe.
Komplexe und Jahrzehnte alte Legacy-Systeme treiben die Kosten für Betrieb und Wartung in die Höhe. (Bild: gemeinfrei: ArtTower/pixabay / CC0)

Der digitale Wandel erhöht den Druck in vielen Unternehmen, ihre Altanwendungen zu modernisieren. Denn gerade diese Legacy-Systeme gelten oft als das größte Hindernis für die Digitalisierung. Aber welche Strategie ist richtig? Wie soll mit Altsystemen umgegangen werden?

Die Wartung, Aktualisierung und Erweiterung von Legacy-Systemen verschlingt jährlich einen großen Teil des IT-Budgets und stellen ein Sicherheitsrisiko dar. Auch fehlen häufig Mitarbeiter, die mit den alten Technologien noch vertraut sind.

Was tun? Muss man gleich alles verschrotten und völlig neu beginnen? Man bedenke, dass die Funktionen und das Wissen von unternehmenskritischen Systemen - wie zum Beispiel der Core-Banking-Systeme in der Finanzbranche - sich nicht ohne weiteres gleich ersetzen lassen.

Weit gefehlt, wenn man glaubte, der Modernisierungsbedarf beschränkt sich auf den Mainframe. Denn Legacy-Probleme sind auch bei Unternehmen zu finden, die noch nie Mainframes im Einsatz hatten, auch bei vergleichsweise jungen Unternehmen wie Blablacar. So gibt es viele Delphi-, C++ oder Java-Programme, die niemand warten kann.

Da diese „geerbten“ Anwendungen vor allem auch noch so unhandlich sind, muss man sie schneller, flexibler und agiler machen. Das ist das Ziel der Legacy-Modernisierung. Aber wie?

Microservices? Komplexe Lösung!

Die Wiederverwendung vorhandener Software ist schon seit langer Zeit ein großes Thema. Viele Unternehmen portieren heute noch einen Teil ihrer Software-Codes auf neuere Programmiersprachen wie von Cobol nach Java. Experten zufolge ist ein solches Szenario im Hinblick auf Projektlaufzeit, Kosten und Return on Investment (RoI) einer Neuentwicklung zu präferieren.

Mit Microservices lassen sich Applikationen in einzelne kleinere Bestandteile, so genannte Services zerlegen, und über eine Verbindungsschicht wie einem Enterprise Service Bus ansprechen. Eine solche Lösung gestaltet sich als technisch anspruchsvoll und kann einen enormen Kraftakt bedeuten.

Denn die monolithischen Legacy-Anwendungen müssen entlang der geschäftlichen Logik zerteilt werden. Dazu genügt es nicht, ein neues Frontend vor die Anwendung zu setzen. Der Clou steckt nämlich im Backend.

Oder einfach ab in die Cloud?

Daher greifen viele Unternehmen lieber erst zu dem so genannten Lift & Shift-Ansatz mit dem ein System mit geringstem Aufwand in eine abgekapselte Umgebung wie zum Beispiel eine Public Cloud verschoben wird. Die Verantwortung für die „Altlasten“ wird dann im Prinzip dem Cloud-Betreiber überlassen.

Eine Dauerlösung? Wohl kaum. Für eine wirkliche Modernisierung muss man irgendwann die Systeme mit dem Skalpell zerschneiden, um zu verstehen, wie sie funktionieren. Klingt etwas problematisch, ist es aber nicht. Hier bietet die Container-Technik als quasi Nachfolgerin der Virtualisierung gute Hilfestellungen an.

Mit Containern ist es möglich, eine Anwendung auf verschiedene Plattformen zu verteilen, inklusive aller Cloud-Varianten. Neben Microservices werden in der Cloud bereitgestellt, sondern auch selbstentwickelte Anwendungen werden ganz oder teilweise in fremd betriebene Umgebungen ausgelagert.

Wobei sich immer noch viele Unternehmen aus Sicherheitsgründen oder regulatorischen Beschränkungen scheuen, ihre unternehmenskritischen Systeme ebenfalls in die Cloud zu verschieben. Oftmals entstehen so „hybride Umgebungen“.

Standardisierte Entwicklungsumgebungen

Ein anderer Ansatz zu den integrierten Services wäre auf der Development-Seite eine standardisierte Entwicklungsumgebung, die verschiedene Programmiersprachen umfasst. Auf diese Weise können Entwickler in gewohnter Umgebung, aber auch mit agileren Methoden und standardisierten Schnittstellen innerhalb eines für alle verbindlichen Makroprozesses arbeiten.

Neue Entwicklungsumgebungen erlauben Strukturen, bei denen die Erstellung der Applikation Hand in Hand mit dem IT-Betrieb arbeitet. Solche „DevOps“-Systeme eignen sich insbesondere für Anwendungen, die quasi „im Handumdrehen“ änderbar sein müssen.

Legacy-Modernisierung schrittweise angehen

Eines ist klar: Es geht hier nicht nur um Technologie, sondern auch um die historisch gewachsene Verflechtungen zwischen verschiedenen Fachbereichen und der IT. Der Legacy-Modernisierungsprozess ist also eine fachübergreifende Aufgabe.

1. Schritt: Identifizierung der Legacys

Altanwendungen und historisch gewachsene Systeme, die Geschäftsprozesse als auch die Realisierung von Innovationen behindern. Zu Legacy zählen auch nicht offene oder Cloud-unfähige Systeme, fehlender Support durch Hersteller oder Systeme, die zunehmend Bedarf an externen Support beziehungsweise steigende Kosten für Wartung und Support erfordern.

2. Schritt: wirtschaftliche Abwägung

Der tatsächliche Nutzen für die Auswahl eines Systems muss nicht nur wohlüberlegt, sondern auch gut belegt und durchgerechnet sein. Des Weiteren, muss die Frage geklärt werden, ob sich die notwendigen Maßnahmen auch mit dem bisherigen System umsetzen lassen.

Für eine Legacy-Modernisierung muss das Top-Management gewonnen werden. Als Argumentationsstütze bietet sich eine Kosten-Nutzen-Analyse an. Darüber hinaus müssen Compliance-, Datenintegrations- und Sicherheitsfaktoren berücksichtigt werden.

3. Schritt: Systeme mit größtem Potenzial

Bei einer Legacy-Modernisierung kann nicht alles zur gleichen Zeit aktualisiert werden. Daher sollten zunächst einmal die Anwendungen selektiert werden, die einen Return on Investment (RoI) erkennen lassen.

Denn die Amortisierung bestimmter Legacy-Systeme kann sich rasch einstellen, in anderen Bereichen ist das eher weniger der Fall. Dazu müssen CIO die Anforderungen ihres Unternehmens verinnerlicht haben, um zu klären, welche Technologien die größten Mehrwerte schaffen.

4. Schritt: Bereiche für Managed Services

Klärung der Frage, bei welchen Systemen beziehungsweise Anwendungen sich eine Zusammenarbeit mit externen Spezialisten anbietet. Das käme beispielsweise für die Auslagerung von Storage oder auch Kernsystemen infrage.

Obwohl dies in der Regel nur etwa 20 Prozent der gesamten IT eines Unternehmens entspricht, können durch Legacy-Systeme ein großer Teil der IT-Kosten verursacht werden. Mit der Überführung ehemals monolithischer Lösungen wie Mainframe-basierte Anwendungen in eine offene Datenwelt, eröffnen sich neue Lösungen wie zum Beispiel die Zusammenarbeit mit spezialisierten Managed-Service-Anbietern.

5. Schritt: organisatorische Veränderungen

Legacy-Modernisierung erfordert eine wandlungsfähige Organisationskultur. Viele Projekte sind bereits ins Leere gelaufen, weil missachtet wurde, neben der Technik auch die Arbeitsmodelle, Geschäftsvorgänge oder die Zusammensetzung von Teams zu aktualisieren. Stattdessen übertragen viele Unternehmen ihre veralteten Geschäftspraktiken mit in die neue IT-Welt.

Laut einer Studie von Etventure und der GfK verstehen die Entscheider in Deutschland unter einer digitalen Transformation in erster Linie immer noch die Digitalisierung bestehender Geschäftsmodelle und analoger Prozesse. Wogegen der Aufbau neuer, digitaler Geschäftsmodelle nur für ein Viertel der Befragten als zentraler Bestandteil des Wandels zählt.

Vielmehr sollten das Management und die Fachbereiche in den Change-Prozess eingebunden und gemeinsam Lösungen erarbeiten, um die Geschäftsmodelle und Systeme mit bestmöglicher Effizienz aufeinander abzustimmen. Ein wichtiger Nebeneffekt: Solche Dialoge tragen zu einem verbesserten gegenseitigen Verständnis von IT und Business bei.

6. Schritt: Modernisierung als kontinuierlicher Prozess

Alle Stakeholder müssen erkennen, dass Legacy-Modernisierung kein einzelnes Projekt sein darf, sondern ein fortlaufender Prozess werden soll, den die IT kontinuierlich bearbeiten muss. Das ist keineswegs unüblich. Erfolgreiche Unternehmen überprüfen ständig Alternativen für ihre Systeme und Anwendungen.

Schon alleine deshalb, um möglichst zeitnah auf etwaige Änderungen in der digitalen Geschäftswelt reagieren zu können. Hinweise, ob die IT-Anwendungen und Services noch die Erwartungen der Kunden treffen, können regelmäßige Feedbacks von externen und internen IT-Kunden liefern.

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Dieser Beitrag stammt von unserem Partnerportal Datacenter-Insider.de.

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