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Nach dem Abgasskandal Volkswagen droht Klagewelle

| Redakteur: Franz Graser

Die Auswirkungen des VW-Abgasskandals auf die deutsche Wirtschaft sind derzeit noch nicht abzusehen. Indessen droht dem Konzern eine Klagewelle von den betroffenen Autobesitzern.

Der von VW entwickelte Dieselmotor EA 189 ist weltweit in rund elf Millionen Fahrzeugen aus dem Volkswagen-Konzern eingebaut worden. Der Konzern hat eine schnelle und transparente Aufklärung der mittlerweile auch als „Dieselgate“ bekannten Abgasaffäre zugesagt.
Der von VW entwickelte Dieselmotor EA 189 ist weltweit in rund elf Millionen Fahrzeugen aus dem Volkswagen-Konzern eingebaut worden. Der Konzern hat eine schnelle und transparente Aufklärung der mittlerweile auch als „Dieselgate“ bekannten Abgasaffäre zugesagt.
(Bild: Volkswagen)

An dem auch unter dem Namen „Dieselgate“ bekannten Abgasskandal wird Volkswagen lange zu kauen haben. Denn der Ruf des größten deutschen Automobilkonzerns ist angeschlagen, das Branchen-Schwergewicht steht als Falschspieler da. Vieles deutet darauf hin, dass Volkswagen dem Bestreben, größter Automobilkonzern der Welt zu werden, alles unterordnete und dass dabei auch die Vernunft unter die Räder kam.

Noch nicht abzuschätzen ist der Gesamtschaden für die deutsche Wirtschaft, der durch die Motoren-Manipulation von Volkswagen entstanden ist. Hier gehen die Meinungen weit auseinander. Eine Forsa-Umfrage im Auftrag des Stern ergab Ende September, dass 50 Prozent der Befragten einen Image-Knacks für die gesamte deutsche Industrie aufgrund des Abgasskandals befürchten.

Laut Ulrich Schröder, Chef der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), Deutschlands drittgrößter Bank, ist es die oberste Priorität, den Schaden nicht noch größer werden zu lassen. Schröder sagte der Deutschen Welle, das Ausmaß des Schadens hänge davon ab, wie man mit dem Thema umgehe: „Wenn so etwas passiert, dann vergrößert sich der Schaden, wenn man nicht sofort aufklärt. Da sind erste richtige Schritte in Form von Personalmaßnahmen erfolgt. Jetzt muss man Taten folgen lassen – durch breite Aufklärung, um dieses verloren gegangene Vertrauen wieder gutzumachen.“

Der Philosoph Ludger Heidbrink, Professor an der Universität Kiel, meint dagegen, der wirtschaftliche Schaden für Deutschland werde sich langfristig in Grenzen halten. Der Experte für Corporate Governance sagte in einem Interview mit dem Deutschlandfunk, die Erfahrung zeige, dass selbst größte Krisen und Desaster langfristig nur ganz geringe Auswirkungen hätten: „Ich halte die apokalyptischen Stimmen nicht für realistisch.“ VW stehe jetzt aber vor der Herausforderung, die finanziellen Folgen schultern zu müssen.

Diese sind erheblich – nicht nur aufgrund möglicher Strafzahlungen, die auf Volkswagen zukommen könnten, sondern auch wegen der Schadensersatzansprüche der Besitzer der betroffenen Fahrzeuge. Der amerikanische Technik-Blog ExtremeTech gratuliert den US-Eigentümern von Diesel-Pkws mit dem Schummel-Motor EA 189 unverblümt dazu, dass sie auf dem besten Weg zu einem neuen Auto seien. Dies begründet der Blog damit, dass Volkswagen in den USA extreme Zugeständnisse an die Besitzer machen müsse, um Sammelklagen zu entgehen.

Dies könne bis zum Rückkauf des betroffenen Fahrzeugs gehen, wenn eine Umrüstung des Autos zu teuer sei, schreibt ExtremeTech. Wenn andererseits eine Reparatur des Fahrzeugs zu Einbußen bei der Motorleistung und/oder einem höheren Verbrauch führe, dann könne mit einer hohen Entschädigung gerechnet werden – für amerikanische VW-Besitzer eine Win-Win-Situation.

Auch hierzulande könnte eine Klagewelle drohen. Volkswagen und seine Tochterunternehmen wie Audi, Skoda und Seat haben zwar inzwischen Webseiten eingerichtet, auf denen Fahrzeughalter ermitteln können, ob ihre Autos vom Abgasskandal betroffen sind. Offen ist dagegen die Frage, was mit den Autos geschieht, die die Manipulationssoftware aufweisen. Da die geschönten Abgas-Messwerte mit Hilfe einer Software erzeugt werden, steht zum Beispiel die Option im Raum, das Problem durch ein Software-Update zu beheben.

Dieses Update könnte jedoch dazu führen, dass die betroffenen Fahrzeuge entweder eine geringere Motorleistung aufweisen oder mehr Kraftstoff verbrauchen oder beides. In dem Beitrag „Wer seinen VW nicht drosselt, gefährdet Zulassung“, der am 28. September auf Welt Online erschien, heißt es: „Mit einer Software, die den Schadstoffausstoß begrenzt, verliert das Auto auch an Power. Die Besitzer der Fahrzeuge können sich auf den Standpunkt stellen, einen Pkw mit einer dann geringeren Motorleistung nicht haben zu wollen.“

Ein dramatischer Wertverlust der so behandelten Autos könnte die Folge sein. Eine ganze Reihe von Anwälten raten den betroffenen Kunden daher, im Zweifelsfall eine rechtliche Beratung einzuholen und sogar den Klageweg einzuschlagen. Der Gelsenkirchener Rechtsanwalt Daniel Siegl sagt auf dem Portal Anwalt.de: „Jeder Einzelfall muss nicht nur technisch, sondern auch rechtlich genauestens geprüft werden. Insofern sollten Sie, wenn Sie betroffen sind, kurzfristig einen Anwalt konsultieren.“

Die Rechtsanwaltsgesellschaft Stoll & Sauer aus dem badischen Lahr hat sogar unter der URL vw-schaden.de ein Beratungsportal für betroffene Autobesitzer eingerichtet. Die Deutsche Automobil Treuhand (DAT), die den Gebrauchtwagenmarkt beobachtet, sieht dagegen keinen Grund zur Panik wegen eines möglichen Wertverlustes der Autos.

„Verbraucher, die etwa einen Volkswagen fahren und das Fahrzeug aktuell nicht verkaufen möchten, haben jetzt nicht zwangsläufig ein schlechteres Auto als vor dem Bekanntwerden der Vorgänge in Wolfsburg“, sagt Jens Nietzschmann, der Sprecher der DAT-Geschäftsführung: „Wir gehen davon aus, dass Volkswagen jetzt die technischen Voraussetzungen dafür schafft, dass die betroffenen Fahrzeuge zeitnah umgerüstet und dadurch das verlorengegangene Vertrauen der Verbraucher allmählich zurückgewonnen werden kann.“

Inzwischen hat der neue Volkswagen-Vorstandschef Matthias Müller im Gespräch mit der FAZ angekündigt, dass die Autos mit der Schummel-Software ab Januar 2016 zurückgerufen und nachgebessert werden sollen, damit sie den Abgas-Bestimmungen entsprechen. Der Start der Aktion hänge davon ab, ob das Kraftfahrtbundesamt den Vorschlägen für die Rückrufaktion zustimme. Laut Müller genüge bei vielen Fahrzeugen ein Software-Update, in Einzelfällen seien aber auch komplexere Nachbesserungen nötig. Der FAZ sagte Müller: „Notfalls bauen wir um.“ Volkswagen werde die dabei entstehenden Kosten vollständig übernehmen. Geht alles nach Plan, dann soll die Rückrufaktion bis Ende 2016 abgeschlossen sein.

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