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Nach der Trennung von Intel: „Wie geht es weiter mit Wind River, Herr Genard?“

| Autor / Redakteur: Martina Hafner / Sebastian Gerstl

Michel Genard, General Manager, Operating System Platforms bei Wind River: "Wind River hat sich zu einem führenden Anbieter von Software für IoT mit umfassendem Edge-to-Cloud-Software-Portfolio entwickelt"
Michel Genard, General Manager, Operating System Platforms bei Wind River: "Wind River hat sich zu einem führenden Anbieter von Software für IoT mit umfassendem Edge-to-Cloud-Software-Portfolio entwickelt" (Bild: Wind River)

RTOS- und Security-Experte Wind River ist wieder ein unabhängiges Unternehmen. Was hat sich verändert, was sind die Strategien, wie sieht die Zukunft aus? Ein Interview mit Michel Genard, General Manager, Operating System Platforms bei Wind River.

Neun Jahre nach der Übernahme durch Intel hat die US-Beteiligungsgesellschaft TPG Wind River gekauft. Was bedeutet dies für die Zukunft des Spezialisten für Echtzeitbetriebssysteme und Embedded Security? Wie haben sich das Unternehmen und sein Markt verändert - und auf welche Gebiete will man sich in Zukunft konzentrieren? Michel Genard, General Manager Operating System Platforms bei Wind River, gab ELEKTRONIKPRAXIS im Interview Auskunft.

Herr Genard, warum kam es zur Trennung von Intel? Welchen Einfluss hat dies auf die weitere Strategie?

Die Übernahme von Wind River durch TPG macht Wind River wieder zu einem unabhängigen Anbieter von Software für IoT mit umfassendem Software-Portfolio. Wir werden uns weiterhin darauf konzentrieren, die digitale Transformation kritischer Infrastruktur voranzutreiben. TPG wird Wind River mit der Flexibilität und den finanziellen Mitteln ausstatten, damit wir die vielen Wachstumschancen als eigenständiges Softwareunternehmen nutzen können.

Nach Abschluss der Transaktion wird Intel ein wichtiger strategischer Partner für Wind River bleiben. Wir werden bei der Entwicklung von softwaredefinierter kritischer Infrastruktur zusammenarbeiten, um den Übergang in eine autonome Zukunft voranzubringen. Aus der Sicht von Intel schärft die Trennung den Fokus der Intel Internet of Things Group auf andere Wachstumschancen, die sich an der datenzentrischen Strategie von Intel orientieren.

Wind River wuchs in den 1990er Jahren mit dem VxWorks RTOS und der Tornado IDE auf. 2009 erfolgte die Übernahme durch Intel. Seitdem hat sich viel in der Unternehmensstrategie geändert. Was für ein Unternehmen ist Wind River heute?

Wind River hat sich zu einem führenden Anbieter von Software für IoT mit umfassendem Edge-to-Cloud-Software-Portfolio entwickelt. Unser Unternehmen agiert auf Basis der Überzeugung, dass manche Dinge zu wichtig sind, um scheitern zu dürfen. Das ist der Grund für unsere Existenz damals und heute. Dieses Denken verleiht der Art und Weise, wie wir agieren, lebenswichtige Energie und Dringlichkeit.

Als Softwareunternehmen, das sich auf Systeme mit höchsten Anforderungen an Sicherheit, Performance und Zuverlässigkeit konzentriert, ist unsere Erfahrung im Bereich der eingebetteten Systeme ausschlaggebend für unsere Innovationskraft. Safety und Security als Kernkompetenzen sind nach wie vor das Markenzeichen von Wind River Software. Dieses Knowhow ist heute wichtiger denn je für unsere Bestrebungen, die digitale Transformation kritischer Infrastruktur zu beschleunigen.

IT und Elektronik wachsen immer enger zusammen. In der IT-Welt sprechen Experten seit einigen Jahren von der "Software Defined World" bzw. „Software Defined Everything“. Inwieweit sehen Sie darin einen Paradigmenwechsel auch für das Marktsegment der Entwicklung von Embedded Systemen?

Embedded ist die letzte Grenze auf dem Weg in die Ära des Software Defined Everything, bedingt durch den Fokus auf einsatzkritische Anforderungen, funktionale Sicherheit, Security sowie Zuverlässigkeit. Diese Grenze beginnt sich jetzt aufzulösen mit der Arbeit an Standards wie ARINC 653 (Avionics Application Software Standard Interface) in der Avionik und Open Process Automation Forum (OPAF) in der Industrieautomation. Das haben wir in der Avionik seit einigen Jahren mit Integrated Modular Avionics (IMA) und Flight by Wire gesehen. Und es passiert im Automobil mit dem Dashboard bzw. im Cockpit. Unternehmen wie Wind River bringen das Beste aus Informationstechnologie und OT (Operational Technology; Betriebstechnologie) zusammen, um diesen Schritt zu ermöglichen: die Flexibilität und Skalierbarkeit der IT bei gleichzeitigem Fokus auf funktionale Sicherheit, Safety und Zuverlässigkeit für OT.

Wind Rivers nächste Vision für die Entwicklung eingebetteter Systeme geht in Richtung autonomer Geräte. Welche Szenarien stehen dahinter und wo liegen die technischen Herausforderungen?

Typischerweise sind Embedded Systeme zuständig für Funktion und Steuerung: Geräte erhalten Eingaben, führen Berechnungen aus und initiieren eine Aktion oder liefern eine Anzeige. Solche Geräte können intelligent sein, sie tun aber selbständig nichts, wofür sie nicht entworfen wurden. Autonom bedeutet, dass sich die Geräte nicht nur an unbekannte Situationen anpassen können, sondern auch eigene Software kreieren, die das Gerät steuert. Eine Stufe tiefer betrachtet bedeutet das, Daten mittels Sensoren zu extrahieren, sie mittels künstlicher Intelligenz zu interpretieren und Steuerungsfunktionen mit der Zuverlässigkeit von OT-Systemen auszuführen.

In technischer Hinsicht sind folgenden Faktoren und Technologien hierfür ausschlaggebend:

  • Reduzierung der Kosten für Betrieb und Einsatz,
  • Edge-Computing,
  • zukunftssichere Anforderungen: Systeme die heute bereitgestellt werden, müssen in Zukunft ohne Ausfallzeiten aktualisiert werden können,
  • Reifung der Machine-Learning- bzw. KI-Technologie

Zu den wesentlichen Herausforderungen, die es zu meistern gilt, zählen Safety und Security, Determinismus, Quality-of-Service (QoS) und Entwicklungskosten.

Wie will sich Wind River bei autonomen Technologien positionieren?

Wind River bringt an mehreren Fronten die Software und das Know-how ein: IT, OT, Inhouse-IP und Open Source. Wir betreiben Disruption auf Geräteebene mit unserem VxWorks-Angebot und Funktionen wie robuste Partitionierung. Wir ermöglichen es Unternehmen aber auch, ihre großen Anwendungen mit unserem Titanium Control-Angebot in eine softwaredefinierte Umgebung zu verlagern.

Sie sagten zuvor, Embedded ist die letzte Grenze in der Ära des Software Defined Everything. Das Paradigma einer von Software definierten Welt sowie autonome Technologien dürften massive Auswirkungen auf Unternehmen haben, z.B. in Bezug auf Know-How-Bedarf, Innovationsprozesse und Geschäftsmodelle. Beschäftigen sich Ihre Kunden heute bereits mit diesen Themen?

Ja, und unsere Kunden adaptieren diese Technologien bereits. Die großen Flugzeug- und Bahnhersteller arbeiten mit Wind River zusammen, um das Paradigma der Software Defined World umzusetzen und gleichzeitig das von den Aufsichtsbehörden geforderte Maß an Sicherheit und Zuverlässigkeit aufrechtzuerhalten. Auch große Automobilhersteller arbeiten mit uns zusammen, um ihre Fahrzeuge der nächsten Generation zu definieren. Wir arbeiten auch eng mit wichtigen Akteuren in anderen Segmenten wie Robotik, Smart Grid und Energieversorger, Öl und Gas, Industrieautomation und Raumfahrt zusammen.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen und Fallstricke in den nächsten Jahren?

Die Definition von Standards in Bezug auf Sicherheit und Gefahrenabwehr. Da sich die Welt in Richtung autonom und softwaregesteuert bewegt, braucht es Standards um die Entwicklungskosten zu senken, Normen und Vorschriften um das Risiko für Early Adopter zu reduzieren und Interoperabilität um eine schnelle Einführung zu gewährleisten.

Ebenso wichtig ist das Thema Geschäftsmodell: Die Wertschöpfungskette in diesem Markt entwickelt sich rasant. Die etablierten Unternehmen suchen sowohl nach organischen (firmeninternen, Anm. d. R.) als auch anorganischen (Wachstum durch Zukauf, Anm. d. R.) Wachstumsmöglichkeiten. Zudem werden neue Segmente wie autonome Kleinfluggeräte neu definiert. Wir sehen, dass neue Technologien die Akzeptanz vorantreiben, was wiederum die weitere Verfeinerung und Entwicklung aktueller oder neuer Technologien ermöglicht.

Softwarefirma Wind River wird wieder unabhängig von Intel

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