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KI: Ethik als vertrauensbildende Maßnahme

| Autor / Redakteur: Lukas Kroll / Jürgen Schreier

In der Maschinenethik geht es um die Fragen: „Ist eine Maschine möglicherweise Subjekt von ethischen Handlungen? Kann sie ethisch denken? Oder kann eine Maschine so programmiert werden, dass sie nach ethischen Gesichtspunkten ihre Art von Funktion daran anpasst, dass ethische Gesichtspunkte beim Funktionieren dieser ganzen Vorgänge berücksichtigt sind?“
In der Maschinenethik geht es um die Fragen: „Ist eine Maschine möglicherweise Subjekt von ethischen Handlungen? Kann sie ethisch denken? Oder kann eine Maschine so programmiert werden, dass sie nach ethischen Gesichtspunkten ihre Art von Funktion daran anpasst, dass ethische Gesichtspunkte beim Funktionieren dieser ganzen Vorgänge berücksichtigt sind?“ (Bild: Lukas Kroll)

Der industrielle Einsatz von KI birgt große Wertschöpfungspotenziale. Damit diese realisiert werden können, muss aber ein grundlegendes Vertrauen in die Technik bei Führungskräften und Arbeitnehmern existieren. Eine ethische Auseinandersetzung mit dem Thema ist zur Vertrauensbildung angebracht.

Innerhalb der nächsten fünf Jahre kann durch den Einsatz von KI im produzierenden Gewerbe in Deutschland eine zusätzliche Bruttowertschöpfung von fast 32 Milliarden Euro erreicht werden. Dies ist das Fazit der im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie angefertigten Studie: „Potenziale der Künstlichen Intelligenz im Produzierenden Gewerbe in Deutschland“ vom Juli 2018. Gleichzeitig warnt die Studie jedoch vor strukturellen Schwächen, die das Einführen der Technologie in den Wirtschaftssektor verlangsamen könnten.

Wer hat Angst vor Künstlicher Intelligenz?

So klagt etwa ein Großteil der befragten KI-Anbieter darüber, dass es bei Führungskräften im produzierenden Gewerbe an Aufgeschlossenheit hinsichtlich der Künstlichen Intelligenz mangele. Auch gebe es bei Angestellten Vorurteile und Ängste bezüglich der Technologie. Um diesen Sorgen entgegenzuwirken, muss das grundsätzliche Vertrauen in Künstliche Intelligenz gesteigert werden. Einer der Wegweiser hierbei ist die Ethik.

Um eine Grundlage für eine vertrauenswürdige KI zu schaffen und zu fördern, hat im Juni 2018 die Europäische Kommission die High-Level Expert Group on AI (AI HLEG) ins Leben gerufen. Diese unabhängige Gruppe hat unter anderem das Ziel, Ethikrichtlinien aufzustellen. Mit den „Ethics Guidelines for Trustworthy AI“ liegt seit dem 8. April 2019 der zweite Entwurf öffentlich vor.

Eine vertrauenswürdige, auf Ethik basierende KI ist demnach essenziell, damit Menschen KI-Systeme entwickeln, einsetzen und nutzen. Ohne Vertrauen werde die KI-Akzeptanz geschwächt, was soziale und wirtschaftliche Vorteile der Technologie verhindere. Um dies zu vermeiden, braucht es laut der AI HLEG einen klar abgesteckten Rahmen in der Entwicklung und Anwendung von KI. Dies sei die Chance, Europa in eine Führungsposition in Sachen ethischer Technologien zu heben.

Sieben Anforderungen für eine vertrauenswürdige KI

Für die AI HLEG gibt es drei vertrauensbildende, gleichbedeutende Komponenten, die laut der Leitlinie ineinandergreifen müssen: Die Technologie muss anwendbare Gesetze und Vorschriften beachten, sie muss in technischer und sozialer Sicht robust sein und sie muss sich an ethische Grundsätze und Werte halten. Aufbauend auf Letztere könne man sieben Anforderungen formulieren, die für eine vertrauenswürdige KI gegeben sein müssen:

  • 1) KI-Systeme sollten die menschliche Autonomie und Entscheidungsfindung unterstützen.
  • 2) KI-Systeme sollten Risiken vorbeugen und körperliche sowie geistige Unversehrtheit von Menschen gewährleisten.
  • 3) KI-Systeme sollten die Privatsphäre beachten – es sollte auf Qualität, Integrität und Relevanz benötigter Daten Acht gegeben werden.
  • 4) KI-Systeme sollten beim Einsatz möglichst transparent und nachvollziehbar agieren.
  • 5) KI-Systeme müssen Inklusion und Vielfalt während des gesamten Lebenszyklus gewährleisten und Diskriminierung, etwa durch verzerrte Datensätze, verhindern.
  • 6) KI-Systeme sollten die breite Gesellschaft, die Umwelt und zukünftige Generationen berücksichtigen.
  • 7) Verantwortlichkeiten und Rechenschaftspflichten müssen vor und nach dem Einsatz von KI-Systemen gewährleistet werden.

Die sieben Anforderungen sollen von Entwicklern, Produktionsarbeitern und Endnutzern beachtet werden. Hierfür, so die europäische Expertengruppe, sei ein Diskurs in der breiten Öffentlichkeit von Nöten.

KI erfordert neues ethisches Verständnis

In Bezug auf eine vertrauensvolle KI hält Prof. Dr. Wolfgang Schröder, der an der Theologischen Fakultät der Universität Würzburg Philosophie lehrt, noch einen anderen Punkt für wichtig: „Es geht darum, dass man nachweisen kann, dass die Technologie funktioniert.“ Das eigentliche Problem liege in der Technik selbst: „In dem Training, das sie erfordert, in den Kosten, die sie verursacht und in der firmeninternen Akzeptanz.“ Deshalb würde bei vielen kleinen und mittelgroßen Unternehmen noch die Frage vorherrschen, wieso und woher Ressourcen für die neue Technik genommen werden sollten, wenn nicht ersichtlich sei, ob die Technik wirklich notwendig ist.

Prof. Dr. Wolfgang Schröder, Universität Würzburg: "Es geht darum, dass man nachweisen kann, dass die Technologie funktioniert."
Prof. Dr. Wolfgang Schröder, Universität Würzburg: "Es geht darum, dass man nachweisen kann, dass die Technologie funktioniert." (Bild: XYZ)

Hinsichtlich ethischer Betrachtungsweisen sei es laut Schröder zudem wichtig zu erkennen, dass das bisherige Verständnis von Ethik betreffend KI nicht ausreiche. Dies bestätige sich auch durch das Aufkommen der Maschinenethik. In dieser gehe es um die Fragen: „Ist eine Maschine möglicherweise Subjekt von ethischen Handlungen? Kann sie ethisch denken? Oder kann eine Maschine so programmiert werden, dass sie nach ethischen Gesichtspunkten ihre Art von Funktion daran anpasst, dass ethische Gesichtspunkte beim Funktionieren dieser ganzen Vorgänge berücksichtigt sind?“ Wichtig sei, dass es ausreichend mutige Leute gäbe, die sich diesen Fragen stellen würden.

„Ich vergleiche KI mit der Einführung des Buchdrucks“

„Ich vergleiche KI mit der Einführung des Buchdrucks. Wenn man sich die Geschichte Europas diesbezüglich anschaut, ist da kein Stein auf dem anderen geblieben“, sagt Prof. Dr. Joachim Fetzer, Experte für Wirtschafts- und Unternehmensethik an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt (FHWS). Weil sich Handlungsroutinen in allen Lebensbereichen verändern würden, spiele Ethik in der KI eine maßgebliche Rolle.

Auf Grund der großen Bedeutung der Technologie sei es für Unternehmen wichtig, sich rechtzeitig mit der Technologie zu beschäftigen. Es gehe darum, das eigene Geschäftsmodell neu zu denken, eigene Prozesse zu analysieren und diese zu verstehen. Ob hierbei die vorgefertigten ethische Leitlinien der Europäischen Kommission vertrauensbildend sein können, beurteilt der Wirtschaftsethiker skeptisch: „Die Tatsache, dass es Ethik-Leitlinien gibt, die von irgendeiner Kommission verabschiedet wurden und die man zur Kenntnis nehmen oder nicht zur Kenntnis nehmen kann - ob das in Europa im Hinblick auf Vertrauen etwas voranbringt, das ist zu bezweifeln.“ Vorgefertigte Ethik-Richtlinien ersetzen laut Fetzer nicht die Eigenkompetenz des Vertrautwerdens mit der neuen Technologie.

Wirtschaftsethiker Prof. Dr. Joachim Fetzer, FHWS: "Ethik-Richtlinien sind ein Baustein bei der Generierung von Vertrauen."
Wirtschaftsethiker Prof. Dr. Joachim Fetzer, FHWS: "Ethik-Richtlinien sind ein Baustein bei der Generierung von Vertrauen." (Bild: Albrecht Haag Fotografie)

Generierung von Vertrauen durch Leitlinienerstellung

Trotzdem könnten Leitlinien einen positiven Aspekt mit sich bringen, wenn sie zum Bezugspunkt einer Diskussion im Unternehmen würden: „Der Prozess der Erstellung von ethischen Leitlinien im Unternehmen kann natürlich sehr Vertrauen schaffend sein. So sind Ethik-Richtlinien in der Tat ein Baustein bei der Generierung von Vertrauen“, so der Wirtschaftsethiker. Dabei müsste nicht jedes Unternehmen das Rad neu erfinden, sondern könne auch auf bereits erstellte Guidelines zurückgreifen. Diese müssten dann aber für den eigenen Bereich entsprechend adaptiert werden.

Am Ende sei es am wichtigsten, die Konsequenzen zu verstehen, die KI für die unternehmensinternen Prozesse haben kann. Nur so ließen sich die Potenziale der KI-Technik wirklich nutzen. Dabei spiele vor allem die Lust daran, das eigene Geschäftsmodell neu für die digitale Welt zu denken, eine große Rolle. Durch einen Prozess des Auseinandersetzens mit der Technologie könnten schließlich Verbindlichkeiten und Vertrauen geschaffen werden. Fetzer fügt an: „Die Welt hat sich schon immer verändert und erfolgreich waren die, die die Veränderung gestaltet haben.“

Projekt „Künstliche Intelligenz: Eine Multimedia-Reportage“

Dieser Artikel ist ein Beitrag zum Projekt „Künstliche Intelligenz: Eine Multimedia-Reportage“. Beteiligt daran sind rund 300 Studierende der Universität Würzburg, der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt und der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft Frankfurt. Das Projekt findet im Rahmen des ‘Wissenschaftsjahres 2019‘ statt und wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.

Weitere Informationen unter www.wissenschaftsjahr.de

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*Lukas Kroll studiert Fachjournalismus an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt (FHWS).

Dieser Beitrag stammt von unserem Partnerportal Industry-of-Things.de.

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