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Die Windows-Historie, Teil 1 – vom Add-On zum Betriebssystem

Autor: Sebastian Gerstl

Am Anfang was es 'nur' eine GUI: Als die erste kommerziell erhältliche Version von Microsoft Windows am 20. November 1985 erstmals in den freien Handel gelangte, trug diese kurioserweise die Versionsnummer 1.01. Bis dahin hatte die Software bereits einen eher holprigen Weg hinter sich.

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Startbildschirm von Windows 1, hier in der deutschsprachigen Version 1.03.
Startbildschirm von Windows 1, hier in der deutschsprachigen Version 1.03.
(Bild: Screenshot/Microsoft)

Bei aller Marktdominanz, die Microsoft heute an den Tag legt, begann das Leben der Fenster-Software relativ bescheiden: Die ersten drei Versionen von Windows waren kein eigenständiges OS, sondern zunächst nur eine grafische Arbeitsumgebung eines anderen Betriebssystems.

Die Anfänge der „fenster“-basierten Oberflächen

In den 80er Jahren hatte Microsoft den Durchbruch geschafft. Ein vorteilhafter Vertrag mit IBM ermöglichte es dem Softwareunternehmen, sein Betriebssystem DOS für alle IBM-PCs und kompatible Geräte zu verkaufen. Die Welt der Personal- und Heimcomputer war monochrom, Eingaben erfolgten komplett per Tastatur. Sollte ein Programm ausgeführt oder das Verzeichnis gewechselt werden, musste der Nutzer die Befehle noch von Hand eingeben.

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Das es auch anderes geht, hatte Kopiererhersteller Xerox bereits 1981 demonstriert: Entwickler des Xerox PARC (Palo Alto Research Center) präsentierten in diesem Jahr mit dem Xerox Alto erstmals einen Computer, der eine grafische Benutzeroberfläche besaß, die sich über ein Peripheriegerät namens Maus bedienen lassen konnte. Auch wenn das Unternehmen selbst wenig Interesse an dem System zeigte, fand es schnell seine Fans: Apple-Gründer Steve Jobs zeigte sich von der mausgestützten grafischen Oberfläche derart begeistert, dass er ein solches System 1983 in der Apple Lisa einsetzte.

Auch Bill Gates war von den Möglichkeiten einer grafischen Nutzeroberfläche angetan. Im April 1983 hatten Microsoft-Entwickler bereits eine erste Version des „Interface Manager“ fertiggestellt. Auf der Computermesse COMDEX kündigte Microsoft die Software erstmals unter dem Namen Windows an – ein Name, den die PR-Manager gewählt hatten, da die Entwickler immer von „Fenstern“ sprachen.

Windows 1: Wenig Nutzen für Grafik und Maus

Windows 1.0 sollte bereits im April 1984 erscheinen, doch Geburtswehen verhinderten den Start. Im Januar 1984 präsentierte Apple den Macintosh und das damit verbundene MacOS. Anders als der Windows-Prototyp besaß dieses bereits überlappende Fenster, was Microsoft Windows noch nicht beherrschte. Zudem hatten die Windows-Entwickler Schwierigkeiten, die Software so anzupassen, dass sie auch auf allen IBM-PCs und kompatiblen Rechnern lauffähig war. Außerdem sollte das Add-On in der Lage sein, auch DOS-Programme auszuführen.

Die finale Version, Windows 1.01, erschien schließlich mit 19 Monaten Verspätung am 20. November 1985. Der Kaufpreis betrug 99 US-Dollar. Für den Systemstart war ein IBM-PC oder kompatibler Rechner mit dem Betriebssystem MS-DOS 3.0 oder 3.1 nötig. Die Zahl verfügbarer Anwendungen war zum Erscheinungstermin noch sehr gering – die erste nennenswerte „Killer-App“, das Tabellenkalkulationsprogramm Excel, erschien erst 1987.

Die grafische Nutzeroberfläche war noch nicht zu echtem Multitasking fähig – Programme in nicht aktiven Fenstern wurden vom Betriebssystem angehalten und erst bei Auswahl wieder gestartet, was den Betrieb etwas holprig machte. Fenster konnten auch noch nicht übereinander angeordnet, sondern nur nebeneinander platziert werden. Ein nennenswertes Grundprogramm, das Windows-Nutzer auch heute noch kennen, war allerdings bereits vorhanden: Mit der ersten Version von MS Paint konnte man allerdings nur schwarze, weiße oder grau schraffierte Flächen anlegen oder zeichnen. Schaltflächen zum Vergrößern oder Verkleinern der Kästen waren allerdings bereits vorhanden, ebenso die Tastenkombination ALT+TAB zum schnellen Wechsel zwischen dem aktiven und einem anderen Fenster.

Parallel zu Windows existierten noch andere grafische Nutzeroberflächen für IBM-PCs, beispielsweise VisiOn, ein Tool der Hersteller des ersten Tabellenkalkulationsprogramms VisiCalc. Weder dieses noch die erste Generation von Windows waren allerdings sonderlich erfolgreich. Mitte der Achtziger war eine grafische Arbeitsumgebung für PCs meist zu teuer, mussten hierfür doch eigens eine Festplatte, zusätzlicher RAM-Speicher und eine Maus angeschafft werden – wobei sich zumindest die erste Version von Windows optional auch auf einem Satz Zieldisketten installieren ließ. Auch verwendeten wenige PC-Nutzer dieser Zeit einen Farb-Monitor oder eine passende Grafikkarte. Da half auch der persönliche Einsatz des späteren Microsoft-CEO Steve Ballmer in TV-Werbespots nur wenig.

Dennoch schon Microsoft in den kommenden beiden Jahren noch einige Updates für die grafische Arbeitsumgebung nach. Die erste Windows-Version, die auch den deutschen Markt erreichte, war 1986 Windows 1.02, zum Kaufpreis von damals 340 Mark.

Windows 2: Versions-Hickhack und Apple-Streit

Dass Microsoft gerne mit der Nummerierung seiner Windows-Versionen spielt und dabei auch augenscheinlich ein paar Nummern überspringt, ist nicht erst seit Windows 7 oder Windows 10 neu. Die erste auf dem Markt erhältliche Fassung von Windows 2 trug bereits die Versionsnummer 2.03. Auch in der Folgezeit sollte diese Windows-Version noch einige Namensänderungen durchmachen.

Microsoft schien zunächst nicht ernsthaft an der Weiterentwicklung von Windows interessiert. Angeblich arbeiteten nur wenige Entwickler an der zweiten Fassung der GUI. Das Hauptaugenmerk lag bei Microsoft bei einem neuen Betriebssystem: Gemeinsam mit IBM erarbeitete man OS/2 (anfänglich auch MS-OS/2 genannt), das – anders als die frühen Windows-Versionen – tatsächlich ein eigenständiges Betriebssystem sein sollte, das auch ohne DOS lauffähig war. Demgemäß erfolgte die Markteinführung von Windows 2.03 noch relativ unscheinbar – bis Apple Microsoft verklagte.

Dem Erscheinen von Windows 1 waren zunächst längere Verhandlungen zwischen den beiden Unternehmen vorangegangen. Schließlich hatte man eine Einigung erzielt: Microsoft durfte bestimmte Teile der GUI von MacOS für seine grafische Arbeitsumgebung verwenden, dafür lieferte Microsoft Software für MacOS wie etwa da Tabellenkalkulationsprogramm Excel.

Mit dem Erscheinen von Windows 2 sah Apple allerdings die Abmachung verletzt – zumal Microsoft in der neuen Fassung nun zusätzlich Elemente wie überlappende Fenster oder den Papierkorb verwendete, die zuvor bereits aus MacOS bekannt waren. Die Klage von Apple führte zu einem Prozessmarathon, der sich bis in die 1990er Jahre hinzog und letztlich mit einer Niederlage für Apple endete. Die Klage wurde unter anderem auch deshalb abgewiesen, weil Apple sich für „sein“ MacOS bereits aus Elementen des Xerox-Betriebssystems bedient hatte. Einen Nebeneffekt hatte die Angelegenheit allerdings doch: OS/2, das ebenfalls eine grafische Oberfläche mit überlappenden Fenstern verwendete, geriet in große Startschwierigkeiten und konnte sich letztlich nie wirklich durchsetzen.

Windows 2 konnte dagegen gut gedeihen – insbesondere deshalb, da zum Start der nun „Presentation Manager“ genannten Nutzeroberfläche bereits Killer-Applikationen wie Excel 2.0 oder Word für Windows 1.0 zur Verfügung standen, die die Anschaffung der GUI und einer Maus rechtfertigten. Auch die erstmals vorhandene Systemsteuerung half, die grafische Nutzerfläche nun effizienter nutzen zu können.

Mitte 1988, mit Erscheinen von Revision 2.1, erfolgte dann die erste nennenswerte Umbenennung von Windows-Versionen. Grund war die Markteinführung eines neuen Intel-Prozessors: Der 80386 bot neue Möglichkeiten für Speicherverarbeitung und Multitasking-Anwendungen, die sich entsprechend auf die GUI auswirkten.

Fortan war Windows in zwei Versionen erhältlich: Windows /286 richtete sich an ältere Rechner und besaß überwiegend dieselben Features wie Windows 2.0. Windows /386 setzte einen 80386-Prozessor voraus, führte aber mit Himem.sys einen neuen Speichermanager ein, der eine effizientere RAM-Nutzung in Aussicht stellte. Im März 1989 erschien eine weitere Überarbeitung der zweiten Windows-Fassung. Revision 2.11 wurde ebenfalls separat als Windows /286 und Windows /386 vertrieben und bügelte einige Fehler des Systems aus. Zudem bot die Software nun bot eine höhere grafische Auflösung, Änderungen beim Speicherzugriff, schnellere Treiberverarbeitung und verbesserte Druckgeschwindigkeit.

All das, verbunden mit einem stetig wachsenden PC-Markt, förderte die Popularität und den Absatz von Windows deutlich: In den knapp anderthalb Jahren zwischen der Markteinführung von Windows 1.01 und Windows 2.03 hatte Microsoft etwa 250.000 Exemplare der Software abgesetzt. Zwei Jahre später hatte das Unternehmen zwei Millionen Exemplare der Arbeitsumgebung verkauft und konnte monatlich etwa 50.000 Exemplare absetzen. Den endgültigen Durchbruch für die grafische Oberfläche auf PCs brachte allerdings erst die nächste Version.

Windows 3: Multimedia und Netzwerke

Für die Entwicklung der dritten Generation seiner grafischen Arbeitsumgebung nahm sich Microsoft nochmals zweieinhalb Jahre Zeit. Zum Launch der Software bereitete das Unternehmen erstmals ein großes Event vor: Windows 3 wurde am 22. Mai 1990 vor einem Publikum von 6.000 Leuten und mit einer weltweiten Live-Schaltung der Öffentlichkeit präsentiert. Eine große Werbekampagne wurde ausgerollt, etwa 250.000 Demoversionen der Software kostenlos verteilt.

Alles in allem gab Microsoft geschätzte 10 Millionen US-Dollar für Windows-PR aus. Eine Investition, die sich lohnte: 1990 wurde Microsoft zum ersten Softwareunternehmen, das einen Jahresumsatz von einer Milliarde US-Dollar erzielte. Einen großen Anteil daran hatte Windows 3: Allein in den ersten Wochen setzte das Unternehmen 100.000 Exemplare ab, nach sechs Monaten waren es bereits zwei, je nach Quelle sogar drei Millionen – mehr, als die beiden Vorgängerversionen zusammen in vier Jahren verkauft hatten.

War Windows 2 noch in nach Prozessortypen aufgeteilten Editionen erhältlich gewesen, wurde die Systemunterstützung mit Windows 3 wieder vereint: Die Software lief auf allen PCs mit x86-Prozessoren. Dafür brachte die grafische Nutzeroberfläche einige wesentliche Neuerungen mit sich. Während bei Windows 2 die Programme über das Dateisystem gesucht werden mussten, wurde mit dem Programm-Manager ein neues zentrales Element eingeführt, der die Systemverwaltung ungemein vereinfachte.

Auch der Datei-Manager, in späteren Versionen Windows Explorer genannt, erhielt erstmals in Version 3.0 Einzug. Neben zahlreichen Performance-Verbesserungen führt die dritte Generation der Software aber auch einen der größten Produktivitätskiller der 90-er Jahre ein: Das Kartenspiel Solitär. Auch das Windows-Zubehör bekam nennenswerte Upgrades verpasst: In Paint (hier Paintbrush) konnte erstmals in Farbe gemalt werden, und der integrierte Taschenrecher bekam einen wissenschaftlichen Modus spendiert.

Windows 3 machte sich zudem zahlreiche Neuerungen in der PC-Landschaft ausgiebig zu Nutze. So gab es erstmals eine umfassende Soundkarten-Unterstützung, was sich auch darin äußert, dass die Software nun auch einen Audio-Rekorder spendiert bekam. Das erste größere Update, Windows 3.00a, führte 1991 mit einer Erweiterung namens Multimedia Extension (stellenweise auch als Windows 3.0 ME bekannt) erstmals auch den Media Player ein. Darüber hinaus war Windows 3 erstmals in der Lage, mehr als 640 KByte an Arbeitsspeicher anzusprechen – tatsächlich war für die volle Nutzung aller Funktionen mindestens ein 386-PC mit 1024 KByte Ram notwendig.

Windows 3.1 baute den Multimedia-Aspekt des Systems noch einmal deutlich aus. Ein weiteres wesentliches Feature, das einfache Verschieben von Dateien zwischen geöffneten Fenstern via „Drag & Drop“, wurde mit diesem Update eingeführt.

Während sich die Standardversion der Software eher an unvernetzte Einzelplatzrechner richtete, waren die Varianten Windows for Workgroups 3.1 für kleinere und Windows NT 3.1 für große Firmennetzwerke optimiert. Während Windows for Workgroups mit dem "herkömmlichen" Windows 3.1 noch weitgehend identisch war, wurde die Architektur des 32-Bit-Systems Windows NT 3.1 von Grund auf neu konzipiert. Auch wenn die Namensgebung der Versionsnummer noch eine Nähe zu der restlichen Windowsfamilie nahelegen sollte, war es im Grunde genommen das erste eigenständige Windows-Betriebssystem.

Das im November 1993 erschienene Windows for Workgroups 3.11 war auch die erste Windows-Version, bei der die Installation des TCP/IP-Protokolls vorgesehen war: Windows wurde somit erstmals richtig Internet-fähig. Ansonsten beachtete Microsoft die Entwicklung des World Wide Webs noch relativ wenig, schätzte die Bedeutung nicht allzu hoch ein. Auf dem Browsermarkt konnten sich daher zunächst andere Firmen wie Netscape etablieren. Dies sollte später noch Konsequenzen nach sich ziehen.

Eine modifizierte Variante von Windows 3.1 war übrigens auch das erste Windows für Tablet-ähnliche Computer: 1993 veröffentliche Compaq mit dem Compaq Concerto einen Pencomputer, ein Laptop mit Touch-Oberfläche, für deren Bedienung ein spezieller Stift mit integrierter Elektronik vorgesehen war. Neben einem von Compaq modifizierten MS DOS 6.22 als Betriebssystem verwendete der Rechner standardmäßig auch Windows for PEN Computing. Essentiell war dies eine Variante von Windows 3.1, die zusätzliche Treiber und Unterstützung für die Stiftbedienung enthielt.

Mit Ausnahme der NT-Familie, die zwischenzeitlich zu einer eigenen OS-Familie heranwuchs, waren alle Varianten von Windows 3 „nur“ grafischen Nutzeroberflächen und damit ein Add-On, für dessen Start ein separat installiertes MS-DOS (mindestens Version 3.1 oder höher) notwendig war.

Da aber viele Firmen- und Schulnetzwerke automatisch nach dem Booten von DOS direkt in Windows starteten, entstand in vielen unerfahrenen Nutzern der Eindruck, dass es sich auch bei Windows 3.11 für Workgroups bereits um ein komplettes Betriebssystem handelte. Das war zwar nicht der Fall, die jeweiligen Nachfolger sollten diesen Aspekt allerdings noch stärker ausbauen.

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