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Der gallische Browser - 20 Jahre Mozilla

| Autor / Redakteur: Jürgen Schmieder* / Sebastian Gerstl

Seit 20 Jahren steht die Mozilla Foundation - am besten bekannt durch den Webbrowser Firefox - für eine Open-Source-Kultur im World Wide Web ein. Angesichts Großkonzernen wie Facebook kein kleines Unterfangen. Doch auch wenn der Browser vielleicht an Popularität eingebüßt hat - die Organisation hat noch Feuer im Tank.
Seit 20 Jahren steht die Mozilla Foundation - am besten bekannt durch den Webbrowser Firefox - für eine Open-Source-Kultur im World Wide Web ein. Angesichts Großkonzernen wie Facebook kein kleines Unterfangen. Doch auch wenn der Browser vielleicht an Popularität eingebüßt hat - die Organisation hat noch Feuer im Tank. (Bild: gemeinfrei / CC0)

Vor 20 Jahren veröffentlichte Netscape einen Quellcode, das war die Geburtsstunde von Mozilla. Seither bemüht sich die Stiftung - vor allem mit dem Firefox-Browser - das freie Internet zu verteidigen.

Wir befinden uns im Jahr 2018 n. Chr.: Das ganze Internet ist von Silicon-Valley-Giganten besetzt ... Das ganze Internet? Nein! Das von unbeugsamen Leuten bevölkerte Non-Profit-Unternehmen Mozilla hört nicht auf, den Platzhirschen Widerstand zu leisten. Das Leben ist nicht leicht für die Browser-Anbieter, die als Besatzung in den Lagern Chrome, Explorer, Safari und Edge liegen. An diesem Samstag ist es 20 Jahre her, dass der Open-Source-Code des Browsers Netscape Navigator veröffentlicht wurde, es war quasi die Geburtsstunde von Mozilla.

"Es ist schwer, mit diesen profitorientierten Unternehmen mitzuhalten. Wer in dieser App-Welt Leute erreichen möchte, der braucht viel Geld - diese Ressourcen stehen uns nicht zur Verfügung", sagt Mitchell Baker am Telefon. Sie ist seit dem ersten Tag dabei, mittlerweile ist sie geschäftsführende Vorständin der Stiftung Mozilla Foundation: "Wir sind im Vergleich zu unseren Konkurrenten ziemlich klein, ein Underdog sozusagen - aber manchmal muss man eben tun, was sich richtig anfühlt. Wenn wir uns so verhalten würden wie die großen Firmen, dann könnten wir auch dorthin wechseln und viel Geld verdienen."

Das klingt idealistisch, und in den vergangenen Tagen haben sie tatsächlich einiges getan bei Mozilla, von dem sie glauben, dass es sich richtig anfühlt. Denn pünktlich zum Jubiläum tauchte der Skandal um das soziale Netzwerk Facebook und die Analysefirma Cambridge Analytica auf, die Daten von 50 Millionen Facebook-Nutzern missbraucht hat. Mozilla hat nun angekündigt, keine Werbeanzeigen mehr auf Facebook schalten zu wollen. "Die Leute wissen, dass sie Facebook Daten überlassen, wenn sie sich dort bewegen - dass Facebook also sehen kann, welche Inhalte die Nutzer einstellen oder bei welchen Sachen sie 'Gefällt mir' drücken", sagt Baker. "Die Enthüllungen zeigen jedoch, dass auch Dritte an diese Daten gelangen können. Also haben wir überlegt: Was können wir tun?"

Auf Mobilgeräten wird Firefox nur selten installiert - bislang

Ergebnis dieser Überlegungen war eine Erweiterung für ihren Browser Firefox: Facebook Container. Man muss sich die Zeit bei Facebook vorstellen wie einen Besuch im Gemeindehaus einer Stadt: Wer dort etwas tut, der muss sich darüber im Klaren sein, dass es andere sehen können und sich die Aktivitäten merken. Allerdings kommt Facebook beim Verlassen des Gebäudes einfach mit, sieht einem weiterhin über die Schulter und sammelt fleißig Daten - unabhängig davon, ob die Nutzer noch bei Facebook eingeloggt sind oder nicht. "Was nützt es mir denn, wenn Facebook diese Informationen bekommt?", fragt Baker und liefert die Antwort gleich selbst: "Das nützt doch nur Facebook - oder wer immer diese Daten letztlich bekommt."

Die Firefox-Erweiterung soll Facebook vom Rest des Internets isolieren. Wer sie installiert, wird automatisch bei Facebook ausgeloggt, sämtliche Cookies - also jene kleinen Dateien, die während des Surfens im Hintergrund angelegt werden, damit die Nutzer etwa auf bestimmten Seiten angemeldet bleiben oder damit Werbeunternehmen potenzielle Kunden erkennen können - werden sogleich gelöscht. Wenn man so möchte, dann sperrt der Container von Firefox das soziale Netzwerk in seinem eigenen Gemeindehaus ein. "Es ist keine absolute Lösung, Facebook bekommt immer noch sehr viele Daten aus seiner eigenen Infrastruktur", sagt Baker. Der Container hätte zum Beispiel nicht verhindern können, dass Cambridge Analytica auf Facebook-Daten zugreift, allerdings wären diese Daten dann deutlich weniger aufschlussreich gewesen: "Es ist ein Ziegelstein in einer Mauer, die jeder um das soziale Netzwerk herum aufbauen und so seine Privatsphäre schützen kann."

Wer sich mit Baker unterhält, der bemerkt, dass sie sich einerseits in der Asterix-und-Obelix-Rolle der rebellischen Gallierin gefällt - dass sie jedoch auch besorgt beobachtet, dass die Römer immer mächtiger und aggressiver werden. "Es fühlt sich ein bisschen so an wie in den 1990er-Jahren, als Microsoft quasi ein Monopol hatte und den Wettbewerb nicht gerade gefördert hat", sagt sie. Nun gebe es einige weitere Unternehmen, die unfasslich erfolgreich sind und mit harten Bandagen kämpfen würden: "Verstehen Sie mich nicht falsch: Wir scheuen den Wettkampf gewiss nicht - wir wollen nur gerne erreichen, dass er auf möglichst neutralem Boden ausgetragen wird."

Es stimmt schon: Auf einem iPhone ist der Apple-Browser Safari installiert. Wer mit einem Windows-Computer im Internet surft, der wird permanent und durchaus penetrant gefragt, ob er nicht doch lieber den Microsoft-Browser Edge verwenden möchte. Und wer in den Vereinigten Staaten statt eines Kabelanschlusses lieber das Google-Angebot Youtube TV verwenden möchte, der bekommt beim Surfen auf einem anderen Browser mitgeteilt, dass diese Webseite nur mit dem Google-Produkt Chrome funktionieren würde. Laut einer Studie der Wikimedia Foundation verfügen die Google-Browser auf allen Plattformen zusammengerechnet über einen Marktanteil von 47,5 Prozent. Apple: 21,1. Microsoft: 9,4. Mozilla: 6,5. Vor einigen Jahren sind es noch 30 Prozent gewesen. Vor allem auf mobilen Geräten sind Produkte des Non-Profit-Unternehmens derzeit kaum präsent, der Marktanteil liegt bei weniger als einem Prozent.

Mozilla hat mit dem Verzicht auf Werbung bei Facebook und der Firefox-Erweiterung nun immerhin für einige Aufmerksamkeit gesorgt. Es ist jedoch keineswegs gewiss, dass sich das auch dauerhaft auf die Anzahl der Nutzer auswirken wird. Baker hat anlässlich des 20. Geburtstages das sogenannte "Mozilla-Manifest" überarbeitet, das übergeordnete Ziel aber ist das gleiche geblieben: das Internet als globale öffentliche Ressource zu verteidigen, die offen und frei zugänglich und dennoch sicher für jeden Nutzer ist. "Die Leute beschäftigen sich mit Privatsphäre und Sicherheit - es ist unsere Aufgabe, das beste Produkt dafür zu liefern", sagt Baker. Es scheint, als hätten sie noch ein bisschen Zaubertrank übrig bei Mozilla.

Originalveröffentlichung auf SZ.de vom 03.04.2018

* Jürgen Schmieder ist Korrespondent für die SZ und SZ.de in Los Angeles, Kalifornien.

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