Interview mit Dr. Carsten Emde, OSADL 25 Jahre Linux: „Das vielseitigste Betriebssystem aller Zeiten“

Redakteur: Franz Graser

Vor genau 25 Jahren hat Linus Torvalds die allererste Version des Linux-Kernels online gestellt. Das war der Anfang einer unvergleichlichen Erfolgsgeschichte für das freie Betriebssystem. Dr. Carsten Emde, Geschäftsführer des Open Source Automation Development Lab (OSADL), erinnert sich in einem Interview.

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Dr. Carsten Emde, Geschäftsführer des Open Source Automation Development Lab – OSADL. Über Linux sagt er: „Die richtige Person am richtigen Platz zur richtigen Zeit, die hohe Qualität und optimale Umgebungsbedingungen“ ließen Linux zum vielseitigsten Betriebssystem aller Zeiten wachsen.
Dr. Carsten Emde, Geschäftsführer des Open Source Automation Development Lab – OSADL. Über Linux sagt er: „Die richtige Person am richtigen Platz zur richtigen Zeit, die hohe Qualität und optimale Umgebungsbedingungen“ ließen Linux zum vielseitigsten Betriebssystem aller Zeiten wachsen.
(Bild: OSADL)

Linux ist ja von einem privaten Hobby von Linus Torvalds zu einer Software-Infrastruktur geworden, der heute viele private und Unternehmens-Nutzer vertrauen. Was war oder ist aus Ihrer Sicht das Erfolgsgeheimnis von Linux?

Für den Erfolg eines Projekts muss zunächst einmal mindestens einer an das Projekt glauben, sonst geht es nicht. Und diese Person war bei Linux natürlich Linus Torvalds. Seine besondere Persönlichkeit spielt sicher eine sehr wichtige Rolle für den Erfolg von Linux. Bei ihm fällt einem sofort der Begriff des „benevolenten Diktators“ für den Maintainer eines Open Source-Projekts ein, obwohl zugegebenermaßen das Wohlwollen nicht in jedem seiner Forenbeiträge sofort erkennbar ist.

Zweitens muss der Inhalt stimmen. Im Einzelfall kann ein guter Verkäufer wohl tatsächlich alles verkaufen – auch ohne, dass der Inhalt stimmt. Aber für einen nachhaltigen Erfolg ist dies kein gutes Rezept. Und bei Linux hat der Inhalt gestimmt – sowohl die Codequalität als auch das Entwicklungsmodell und natürlich auch die Lizenz. Was nur wenige wissen: Erst ein paar Monate nach der Erstveröffentlichung hat Linus seinen Code umlizenziert und dafür die GPLv2 gewählt. Heute ist wohl unbestritten, dass die Wahl dieser Lizenz ein wesentlicher Erfolgsfaktor von Linux ist. Linus selbst hat 1997 dazu gesagt: „Making Linux GPLed was definitely the best thing I ever did.“

Drittens fällt bei der Jahreszahl 1991 natürlich auf, dass dies auch genau die Zeit war, in der das Internet in kurzer Zeit gewaltig an Dynamik gewonnen hat. Denn das ist klar: Ohne das Internet und ohne das verteilte Entwicklungsmodell wäre die Entwicklung von Linux nicht denkbar. Als weiterer wichtiger Punkt muss man wissen, dass ein in der Praxis einsetzbares Linuxsystem natürlich bei weitem nicht nur aus dem Kernel besteht; dieser macht nur einen Bruchteil der erforderlichen Software aus.

Und damit kommt der vierte Erfolgsfaktor dazu: Richard Stallman und sein GNU-Projekt. Denn dieses Projekt hat dem Linux-Kernel nicht nur die Lizenz geliefert, sondern auch einen großen Teil der übrigen Systemsoftware und, was am allerwichtigsten ist, den Compiler. Wenn wir heute staunend feststellen, dass Linux über 30 verschiedene Prozessor-Architekturen unterstützt, dann verdanken wir dies auch der Unterstützung dieser Architekturen durch den GCC, der GNU Compiler Collection.

Auf dem genannten Nährboden – die richtige Person am richtigen Platz zur richtigen Zeit, die hohe Qualität des Produkts, ein passendes Systemumfeld und optimale Umgebungsbedingungen – ist dann das Linux von heute gewachsen: Das vielseitigste Betriebssystem aller Zeiten.

Dr. Carsten Emde, Geschäftsführer des Open Source Automation Development Lab – OSADL. Über Linux sagt er: „Die richtige Person am richtigen Platz zur richtigen Zeit, die hohe Qualität und optimale Umgebungsbedingungen“ ließen Linux zum vielseitigsten Betriebssystem aller Zeiten wachsen.
Dr. Carsten Emde, Geschäftsführer des Open Source Automation Development Lab – OSADL. Über Linux sagt er: „Die richtige Person am richtigen Platz zur richtigen Zeit, die hohe Qualität und optimale Umgebungsbedingungen“ ließen Linux zum vielseitigsten Betriebssystem aller Zeiten wachsen.
(Bild: OSADL)

Die Bandbreite der Anwendungen, für die Linux eingesetzt wird, ist ja phänomenal: von Embedded-Geräten bis hin zu Supercomputern. Was war aus Ihrer Sicht für diese Entwicklung primär ausschlaggebend – die technische Architektur des Systems oder das freie Verbreitungsmodell?

Zunächst war es wohl das Verbreitungsmodell, das war 1991 eine große Besonderheit. Die technische Architektur wurde erst später attraktiv. Aber noch etwas ist wichtig: Die große Bandbreite der Anwendungen und die Stabilität des Linux-Kernels und damit eng verbunden dessen Erfolg haben durchaus etwas miteinander zu tun.

Denn die hohe Skalierbarkeit führt dazu, dass Linux in einem maximal heterogenen Umfeld getestet werden kann und ein Fehler, der auf dem einen System zufälligerweise nicht auftritt, dann mit hoher Wahrscheinlichkeit auf einem anderen System entdeckt wird. Die Skalierbarkeit ist also nicht nur per se ein Vorteil, sondern führt indirekt auch zur hohen Stabilität von Linux und damit wiederum zu dessen hoher Akzeptanz.

Linus Torvalds mischt sich ja auch heute noch immer wieder in die technischen Diskussionen um Linux ein, und zum Teil auch ganz handfest. Ist Linux überhaupt von ihm zu trennen? Wie könnte es ohne ihn weitergehen?

Hätte Linus in den ersten Jahren, zum Beispiel bis 1995, aus irgendwelchen Gründen die weitere Entwicklung aufgegeben, hätte sich Linux möglicherweise davon nicht mehr erholt.

Heute ist das aber wohl anders. Denn es wird allgemein davon ausgegangen, dass es durchaus mehrere Kernel-Entwickler aus dem Kreis um Linus gibt, die ohne allzu große Anlaufschwierigkeiten die Tätigkeit des Haupt-Maintainers übernehmen könnten, wenn Linus einmal keine Lust mehr haben sollte.

Wann ist Ihnen persönlich das Potenzial von Linux klargeworden?

Heute kann natürlich jeder leicht sagen, dass er es vor 25 Jahren schon geahnt hat... Ich kann mich allerdings noch daran erinnern, wie es war, als ich etwa 1993 den ersten Linux-Rechner in den Händen hielt: Damals war mir sehr schnell klar, dass ich mir genau so etwas schon immer gewünscht hatte. Aber die Vorstellungskraft, dass irgendwann einmal kaum jemand mehr ohne Linux auskommen würde, hat mir wohl doch gefehlt. Gehofft habe ich es aber sicher – und, wer weiß, vielleicht hat die eine oder andere Aktivität unserer Organisation auch ein wenig zum Erfolg von Linux – zumindest im Bereich von Embedded-Systemen – beigetragen.

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