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Denkfallen in Software-Projekten

| Autor / Redakteur: Peter Siwon / Martina Hafner

Wie kommen Fehleinschätzungen von Projekten zustande?
Wie kommen Fehleinschätzungen von Projekten zustande? (Bild: gemeinfrei / CC0)

Wir alle wollen Projekte gewinnen, doch manchmal liegt ein Fluch auf einem Projekt. Er liegt darin, dass der Gewinner das Projekt falsch eingeschätzt hat und es sich zum Desaster entwickelte. Welche Mechanismen verführen uns zu solchen Fehleinschätzungen?

Die große Herausforderung bei lukrativen und damit in der Regel komplexen Projekten liegt darin, dass die Entscheidung für die Durchführung unter unsicheren Rahmenbedingungen getroffen werden müssen. Wir wissen nicht genau, welche Risiken lauern und welche Chancen sich ergeben. Kurz, wir haben weder die Mittel und auch nicht die Zeit, das gesamte Für und Wider auf Basis gesicherter Erkenntnisse abzuwägen. Was die Angelegenheit noch erschwert, ist, dass unsere Psyche die Tendenz hat, diese Realität der Unsicherheit auch noch zu verzerren. Die objektiven Unsicherheiten werden durch subjektive Irrtümer ergänzt.

Diese Fehleinschätzungen werden unter anderem durch folgende Phänomene begünstigt: Wahrnehmungsverzerrungen, selbsterfüllende Prophezeiung, Kontroll-Illusion, Ursache-Wirkungs-Konstruktion, fehlerbehaftete intuitive Statistik, Rückschaufehler. Psychischer Druck, beispielsweise durch Wettbewerb, verstärkt die Wirkung dieser Einflussfaktoren auf unsere Entscheidungsfähigkeit noch. Das Problem liegt aber weniger darin, dass wir durch Wettbewerb gezwungen sind, Risiken einzugehen und mit Unsicherheiten umzugehen. No Risk, no Deal! Nein, es liegt vor allem darin, dass der Mensch die Risiken und Unsicherheiten, aber auch die Chancen falsch einschätzt und sich dessen nicht bewusst ist. Schauen wir uns zunächst diese Phänomene nun etwas genauer an, um die Ursachen besser zu verstehen.

Knick in der mentalen Optik

Unsere Zuversicht wird stärker durch objektiv irrelevante Faktoren bestimmt als uns bewusst ist. Wir haben quasi einen Knick in unserer mentalen Optik. Schauen Sie sich im folgenden Bild die dunkleren kreisförmigen Felder an, die einmal von großen und einmal von kleinen kreisförmigen Feldern umgeben sind (Ebbinghaus-Illusion). Welches erscheint größer? Die Messung ergibt, dass beide Felder exakt gleich groß sind. Es handelt sich um eine optische Täuschung. Ein Experiment mit Golfspielern zeigte, dass die Wahrscheinlichkeit, einen Golfball zu putten, davon abhängt, ob um das Loch die größeren oder kleineren Kreise projiziert wurden, d.h. das Loch als größer oder kleiner eingeschätzt wurde. Wie heißt es so schön - der Glaube versetzt Berge. Allerdings lässt er uns auch Hindernisse sehen, wo keine sind.

Roger Bannister, der erste Mensch, der die Meile unter 4 Minuten lief, sagte einmal treffend: Das Gehirn ist das kritische Organ, nicht das Herz oder die Lunge. Auf geistige Leistung bezogen könnte der Spruch auch lauten: Das Unterbewusstsein ist der kritische Teil des Gehirns und nicht der Verstand, denn es bestimmt, wie viel Verstand möglich ist. Jeder, der schon einmal eine Denkblockade bei Prüfungen erlebt hat, weiß, was ich damit meine. Andererseits werden spielerisch großartige Leistungen erbracht, wenn wir entspannt sind und uns völlig einer Aufgabe hingeben können (Flow).

Eine ähnliche verzerrende und täuschende Wirkung hat der sogenannte Halo-Effekt (Halo, engl. Heiligenschein). Er besagt, dass unsere Einschätzungen durch Aspekte beeinflusst werden, die für eine objektive Bewertung irrelevant sind. So werden gut aussehende oder extrovertierte Menschen als intelligenter eingeschätzt als weniger attraktive oder introvertierte Personen. Die Werbebranche setzt sehr stark auf diese Effekte, indem sie attraktive und berühmte Menschen mit Produkten in Beziehung bringt. Auch in Projekten lassen wir uns gerne durch schöne Fassaden blenden und versäumen es, genauer hinzuschauen, d.h. objektive Kriterien anzuwenden, die tatsächlich relevant für den Projekterfolg sind. So werden bei der Software häufig Kriterien für die innere Qualität, wie Architektur oder Änderungsfreundlichkeit, nicht berücksichtigt.

Die Tragik ist, dass wir es sogar vermeiden, hinter die Fassade zu schauen, wenn sie unseren Wunschvorstellungen und Erwartungen entspricht. Der Effekt nennt sich selbsterfüllende Prophezeiung. Wir nehmen die Anzeichen, die unsere Wünsche belegen, bereitwillig auf und blenden die, die sie widerlegen, gerne aus. Dies wiederum erhöht zusätzlich die Hemmschwelle, ganz nüchtern der Realität auf den Zahn zu fühlen. Ein kultureller oder persönlichkeitsbedingter Hang zum Rechthaben oder zur Angst vor Fehlern leistet dann sein Übriges.

Fazit: Die Gefahr, Projekte durch die falsche Brille zu sehen, ist relativ groß. Die Hemmung, der Realität ins Auge zu blicken, ebenso.

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